{"id":240286,"date":"2026-06-13T14:54:35","date_gmt":"2026-06-13T12:54:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lorena-hoormann.at\/?p=240286"},"modified":"2026-06-10T19:06:10","modified_gmt":"2026-06-10T17:06:10","slug":"garfinkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lorena-hoormann.at\/en\/garfinkel\/","title":{"rendered":"Garfinkel (1917\u20132011): Ethnomethodologie und die Kunst des Alltags"},"content":{"rendered":"<p>Wie schaffen wir es jeden Tag, miteinander auszukommen? Wie entsteht soziale Ordnung in jedem einzelnen Gespr\u00e4ch, an jedem K\u00fcchentisch, in jeder U-Bahn? Harold Garfinkel (1917\u20132011) stellte diese Frage radikal neu \u2014 und fand die Antwort im Alltag selbst.<\/p>\n<h2>1. Kurzgefasst<\/h2>\n<p><strong>Ethnomethodologie<\/strong> untersucht die Methoden, mit denen Menschen ihren Alltag praktisch bew\u00e4ltigen. Gesellschaft ist kein fertiges System \u2014 sie ist eine <strong>ongoing accomplishment<\/strong>: eine st\u00e4ndige praktische Leistung ihrer Mitglieder. Akteure sind keine <strong>judgmental dopes<\/strong> \u2014 sie denken, interpretieren und handeln praktisch-rational. <strong>Accounts<\/strong> sind die Erkl\u00e4rungen, mit denen Menschen Situationen beschreiben, rechtfertigen und verst\u00e4ndlich machen. <strong>Accounting practices<\/strong> beschreiben, wie Erkl\u00e4rungen angeboten und angenommen werden. Soziale Wirklichkeit ist <strong>reflexiv<\/strong>: Erkl\u00e4rungen ver\u00e4ndern die Situation, die sie beschreiben. <strong>Breaching Experiments<\/strong> \u2014 gezielte Normverletzungen \u2014 machen die unsichtbaren Regeln des Alltags sichtbar, indem sie zeigen, wie heftig Menschen auf deren Verletzung reagieren.<\/p>\n<h2>2. Der Museumsgang<\/h2>\n<p><em>Du gehst durch ein Museum der Gesellschaft. Links und rechts \u00f6ffnen sich R\u00e4ume, jeder zeigt eine Szene.<\/em><\/p>\n<h3>Raum 1 \u2014 Die unsichtbare Ordnung<\/h3>\n<p>Eine U-Bahn, Sto\u00dfzeit. Niemand erkl\u00e4rt niemandem, wo er zu stehen hat. Niemand einigt sich darauf, wer welchen Platz bekommt. Und trotzdem funktioniert es \u2014 bis auf wenige Ausnahmen verteilen sich die Menschen, vermeiden Blickkontakt, schweigen, geben Sitzpl\u00e4tze frei.<\/p>\n<p>Das ist der Ausgangspunkt der Ethnomethodologie. Soziale Ordnung entsteht nicht durch Regeln, die irgendwo aufgeschrieben sind \u2014 sie wird in jedem Moment von den Beteiligten aktiv hergestellt. Diese Herstellung ist so selbstverst\u00e4ndlich, dass wir sie nicht bemerken. Garfinkel macht sie sichtbar.<\/p>\n<h3>Raum 2 \u2014 Der Student und der Professor<\/h3>\n<p>Ein Pr\u00fcfungsb\u00fcro. Ein Student erkl\u00e4rt, warum er die Pr\u00fcfung verpasst hat. Er w\u00e4hlt Worte, erkl\u00e4rt Zusammenh\u00e4nge, sucht nach einer Formulierung, die den Professor \u00fcberzeugt. Der Professor h\u00f6rt zu, nickt, stellt R\u00fcckfragen, akzeptiert schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>Das ist ein <strong>Account<\/strong> in Aktion \u2014 und die dazugeh\u00f6rigen <strong>Accounting Practices<\/strong>. Der Student bietet eine Erkl\u00e4rung an, der Professor pr\u00fcft sie nach den ungeschriebenen Regeln des akademischen Kontexts. Beide nutzen <strong>commonsense knowledge<\/strong> \u2014 praktisches Alltagswissen \u00fcber was in dieser Situation gilt, was z\u00e4hlt, was glaubw\u00fcrdig klingt. Ethnomethodologen interessiert nicht ob die Erkl\u00e4rung wahr ist \u2014 sie interessiert wie sie funktioniert.<\/p>\n<h3>Raum 3 \u2014 Der Boarder<\/h3>\n<p>Ein Wohnzimmer, Abendessen. Ein junger Mann sitzt am Tisch seiner Familie \u2014 aber er verh\u00e4lt sich wie ein Fremder. H\u00f6flich, f\u00f6rmlich, reserviert. Er antwortet nur wenn er gefragt wird. Er sagt &#8222;bitte&#8220; und &#8222;danke&#8220; mit perfekter Distanz.<\/p>\n<p>Das ist eines von Garfinkels ber\u00fchmtesten <strong>Breaching Experiments<\/strong>. Er bat Studierende, sich in ihrem Zuhause so zu verhalten als w\u00e4ren sie Untermieter. Die Reaktionen der Familien waren heftig: Verwunderung, Wut, Vorw\u00fcrfe. Manche fragten ob der Student krank sei, sich gestritten habe, verr\u00fcckt geworden sei.<\/p>\n<p>Diese Reaktionen zeigen: Die allt\u00e4glichen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten des Familienlebens sind keine Kleinigkeiten. Sie sind das Fundament sozialer Wirklichkeit \u2014 und wenn jemand sie verletzt, bricht etwas Grundlegendes auf.<\/p>\n<h3>Raum 4 \u2014 Das Tic-Tac-Toe-Spiel<\/h3>\n<p>Zwei Kinder spielen Tic-Tac-Toe. Ein Kind setzt sein Zeichen zwischen zwei Felder \u2014 au\u00dferhalb der Regeln. Das andere Kind h\u00e4lt inne. Starrt auf das Brett. Versucht zu verstehen was gerade passiert ist. Fordert eine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Das illustriert wie Breaching Experiments funktionieren: Eine kleine, gezielte Verletzung einer sozialen Regel \u2014 und sofort zeigen die Reaktionen der Beteiligten, welche Methoden sie normalerweise verwenden um die Welt geordnet zu halten. Die Normalit\u00e4t wird sichtbar im Moment ihrer St\u00f6rung.<\/p>\n<h3>Raum 5 \u2014 Die Reflexivit\u00e4t<\/h3>\n<p>Ein Soziologe ver\u00f6ffentlicht eine Studie \u00fcber eine Gemeinschaft. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft lesen die Studie \u2014 und beginnen, sich anders zu verhalten. Die Beschreibung hat die Realit\u00e4t ver\u00e4ndert, die sie beschreiben sollte.<\/p>\n<p>Das ist <strong>Reflexivit\u00e4t<\/strong> in Garfinkels Sinne: Accounts \u2014 Erkl\u00e4rungen, Berichte, Beschreibungen \u2014 gehen in die Situation ein, die sie beschreiben. Sie ver\u00e4ndern sie. Das gilt f\u00fcr allt\u00e4gliche Erkl\u00e4rungen genauso wie f\u00fcr soziologische Berichte. Soziologie ist deshalb kein neutraler Beobachter \u2014 sie ist Teil der sozialen Wirklichkeit, die sie untersucht.<\/p>\n<p>Du verl\u00e4sst den letzten Raum. Drau\u00dfen produzierst du mit jedem Schritt soziale Ordnung \u2014 ohne es zu merken.<\/p>\n<p><em>Garfinkel h\u00e4tte gesagt: Das Au\u00dfergew\u00f6hnlichste an der Gesellschaft ist das Gew\u00f6hnlichste.<\/em><\/p>\n<h2>3. Die theoretische Logik<\/h2>\n<p>Harold Garfinkel entwickelte die Ethnomethodologie als radikale Neuausrichtung der Soziologie. Sein Ausgangspunkt ist eine Kritik an Durkheims Konzept sozialer Tatsachen: F\u00fcr Durkheim sind soziale Tatsachen externe Strukturen, die das Individuum zwingen. Akteure erscheinen dabei als <strong>judgmental dopes<\/strong> \u2014 als Marionetten sozialer Strukturen ohne eigenst\u00e4ndiges Urteilsverm\u00f6gen. Garfinkel setzt dagegen: Soziale Ordnung ist keine gegebene Struktur \u2014 sie ist die <strong>ongoing accomplishment<\/strong> ihrer Mitglieder. Menschen schaffen soziale Realit\u00e4t aktiv, praktisch und kontinuierlich neu.<\/p>\n<p>Ethnomethodologie untersucht die <strong>Methoden<\/strong> (<em>ethnomethods<\/em>), die Menschen dabei verwenden: das praktische Alltagswissen, die commonsense-Verfahren und \u00dcberlegungen, mit denen sie Situationen verstehen, navigieren und auf sie reagieren. Diese Methoden sind nicht formal oder logisch \u2014 sie sind praktisch-rational. Menschen denken nicht theoretisch \u00fcber ihre Situation nach; sie handeln routiniert und weitgehend unreflektiert. Das Ziel der Ethnomethodologie ist zu verstehen, wie diese Routinen entstehen und im Zusammenspiel mit anderen st\u00e4ndig neu erzeugt werden.<\/p>\n<p><strong>Accounts<\/strong> sind die Erkl\u00e4rungen, Beschreibungen und Rechtfertigungen, mit denen Menschen Situationen verst\u00e4ndlich machen \u2014 f\u00fcr sich und f\u00fcr andere. <strong>Accounting practices<\/strong> bezeichnen die Verfahren, nach denen Erkl\u00e4rungen angeboten, gepr\u00fcft und akzeptiert oder abgelehnt werden. Ethnomethodologen analysieren Accounts ohne sie zu bewerten \u2014 sie nehmen eine Haltung der <strong>ethnomethodologischen Indifferenz<\/strong> ein: Was z\u00e4hlt, ist nicht ob eine Erkl\u00e4rung wahr ist, sondern wie sie in der praktischen Interaktion funktioniert.<\/p>\n<p>Ein wesentliches Merkmal von Accounts ist ihre <strong>Reflexivit\u00e4t<\/strong>: Sie gehen in die Situation ein, die sie beschreiben, und ver\u00e4ndern sie. Wer eine Situation erkl\u00e4rt, ver\u00e4ndert sie durch die Erkl\u00e4rung. Das gilt f\u00fcr Alltagsinteraktionen genauso wie f\u00fcr soziologische Studien \u2014 Soziologie ist deshalb kein neutraler Beobachter gesellschaftlicher Realit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Breaching Experiments<\/strong> sind Garfinkels wichtigstes Forschungsinstrument. Durch gezielte Verletzung sozialer Selbstverst\u00e4ndlichkeiten \u2014 im Tic-Tac-Toe-Spiel, im Familienalltag, in allt\u00e4glichen Gespr\u00e4chen \u2014 macht Garfinkel sichtbar, welche unsichtbaren Methoden Menschen normalerweise einsetzen um Ordnung herzustellen. Die heftigen emotionalen Reaktionen auf Normverletzungen zeigen: Die scheinbar trivialen Routinen des Alltags sind das Fundament sozialer Realit\u00e4t.<\/p>\n<h2>4. Die wichtigsten Begriffe<\/h2>\n<ul>\n<li><strong>Ethnomethodologie<\/strong> (<em>ethnomethodology<\/em>) Die Untersuchung der Methoden, mit denen Menschen ihren Alltag praktisch bew\u00e4ltigen. Gesellschaft als ongoing accomplishment ihrer Mitglieder.<\/li>\n<li><strong>Ongoing accomplishment<\/strong> Soziale Ordnung ist keine gegebene Struktur, sondern wird in jedem Moment von den Beteiligten aktiv hergestellt und aufrechterhalten.<\/li>\n<li><strong>Judgmental dopes<\/strong> Garfinkels kritischer Begriff f\u00fcr das Menschenbild klassischer Soziologie: Akteure als passive Marionetten sozialer Strukturen ohne eigenst\u00e4ndiges Urteilsverm\u00f6gen.<\/li>\n<li><strong>Commonsense knowledge<\/strong> Das praktische Alltagswissen, das Menschen nutzen um Situationen zu verstehen und auf sie zu reagieren. Grundlage ethnomethodologischer Analyse.<\/li>\n<li><strong>Accounts<\/strong> Erkl\u00e4rungen, Beschreibungen und Rechtfertigungen, mit denen Menschen Situationen verst\u00e4ndlich machen \u2014 f\u00fcr sich und f\u00fcr andere.<\/li>\n<li><strong>Accounting practices<\/strong> Die Verfahren, nach denen Erkl\u00e4rungen angeboten, gepr\u00fcft und akzeptiert oder abgelehnt werden.<\/li>\n<li><strong>Ethnomethodologische Indifferenz<\/strong> Die analytische Haltung der Ethnomethodologen: Accounts werden nicht bewertet, sondern danach analysiert wie sie in der praktischen Interaktion funktionieren.<\/li>\n<li><strong>Reflexivit\u00e4t<\/strong> (<em>reflexivity<\/em>) Accounts gehen in die Situation ein, die sie beschreiben, und ver\u00e4ndern sie. Gilt f\u00fcr Alltagsinteraktionen und soziologische Berichte gleicherma\u00dfen.<\/li>\n<li><strong>Breaching Experiments<\/strong> (<em>breaching experiments<\/em>) Gezielte Verletzungen sozialer Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, die unsichtbare Alltagsmethoden sichtbar machen. Die heftigen Reaktionen zeigen wie wichtig diese Methoden f\u00fcr die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung sind.<\/li>\n<\/ul>\n<hr \/>\n<p><em>Quelle: Ritzer &amp; Stepnisky \u2014 Contemporary Sociological Theory and Its Classical Roots, 6th Edition<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schaffen wir es jeden Tag, miteinander auszukommen? Wie entsteht soziale Ordnung in jedem einzelnen Gespr\u00e4ch, an jedem K\u00fcchentisch, in jeder U-Bahn? Harold Garfinkel (1917\u20132011) stellte diese Frage radikal neu \u2014 und fand die Antwort im Alltag selbst. 1. Kurzgefasst Ethnomethodologie untersucht die Methoden, mit denen Menschen ihren Alltag praktisch bew\u00e4ltigen. 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