Southern Theory & Indigenous Resurgence — Wissen von unten, Wissen von der Erde

17 Jun 2026 | Society & Change

Was wäre, wenn die wichtigsten soziologischen Theorien nicht in Europa oder Nordamerika entstanden wären? Raewyn Connell, Glen Sean Coulthard und Leanne Simpson zeigen: Es gibt andere Formen des Wissens — und sie sind nicht weniger präzise, nur anders verankert.

1. Kurzgefasst

Southern Theory (Connell) bezeichnet Theorien, die im Globalen Süden entwickelt wurden — als Alternative zu den Northern Theories, die den soziologischen Kanon dominieren. Connell analysiert Theorien aus Iran (Al-e Ahmad, Shariati), Indien (Subaltern Studies Group) und Afrika (Akiwowo) und zeigt: Diese Theorien entstehen oft aus religiösen Traditionen, politischen Bewegungen und lokalen Praktiken — nicht aus akademischen Texten. Ibn Khaldun (14. Jahrhundert, Nordafrika) entwickelte eine zyklische Staatstheorie mit dem Konzept ‚asabiyyah (Gruppensolidarität) — Jahrhunderte vor Durkheims verwandten Ideen. Coulthard kombiniert Fanon, Marx und indigenes Denken zu einer Kritik der Politik der Anerkennung (politics of recognition): Kulturelle Anerkennung reicht nicht, wenn Landrechte verweigert werden. Leanne Simpson entwickelt indigene Theorie aus Nishnaabeg-Geschichten, Sprache und Praxis: Theorie ist immer situiert, relational, erdgebunden. Resurgence bezeichnet die Wiederbelebung indigenen Lebens durch indigene Kultur und Ideen.

2. Der Museumsgang

Du gehst durch ein Museum der Gesellschaft. Links und rechts öffnen sich Räume, jeder zeigt eine Szene.

Raum 1 — Die leere Hälfte des Bücherregals

Ein Regal voller Theoriebücher: Durkheim, Weber, Marx, Parsons, Giddens, Bourdieu. Alle aus Europa oder Nordamerika. Die andere Hälfte des Regals: leer. Oder fast leer.

Das ist Connells Ausgangspunkt. Northern Theory dominiert den soziologischen Kanon — nicht weil es keine anderen Theorien gibt, sondern weil koloniale Wissenshierarchien nicht-westliche Theorien als primitiv, irrational oder unwissenschaftlich abgewertet haben. Southern Theory füllt die andere Hälfte des Regals.

Raum 2 — Ibn Khaldun in Tunis, 1377

Ein nordafrikanischer Gelehrter schreibt an seinem Schreibtisch. Er beobachtet das Auf und Ab von Dynastien in Nordafrika und entwickelt eine Theorie: Nomadische Gesellschaften mit starker ‚asabiyyah (Gruppensolidarität) besiegen sesshaft gewordene Dynastien, die ihre Solidarität verloren haben. Die neue Herrschaft wird sesshaft, verliert ihre ‚asabiyyah — und wird von der nächsten nomadischen Gruppe verdrängt. Ein Zyklus.

Das ist Ibn Khalduns zyklische Staatstheorie — entwickelt 400 Jahre vor Durkheims verwandten Ideen über soziale Kohäsion. Er zeigt: Westliche Soziologie hat keine Monopol auf die Erfindung soziologischer Konzepte.

Raum 3 — Die Westoxification

Teheran, Mitte des 20. Jahrhunderts. Al-e Ahmad beobachtet, wie westliche Maschinen, Ideen und Werte in den Iran eindringen und die lokale Kultur aushöhlen. Er nennt es Westoxification (Gharbzadegi): die kollektiven negativen Folgen westlichen Imperialismus — Entfremdung von der eigenen Kultur, Dominanz importierter Technologie und Werte.

Das ist Southern Theory aus dem Iran: nicht als Ablehnung der Moderne, sondern als Kritik des Imperialismus — und als Rückkehr zu lokalen, religiösen Ressourcen als Basis des Widerstands.

Raum 4 — Die Standing Rock Reservation

  1. Native Americans protestieren gegen eine Ölpipeline, die nahe an ihrer Reservation gebaut werden soll. Die Regierung sagt: Wir respektieren eure Sprache und Religion. Aber die Pipeline wird gebaut.

Das ist Coulthardes Kritik an der Politik der Anerkennung (politics of recognition). Kulturelle Anerkennung — Entschuldigungen, Wahrheitskommissionen, Sprachrechte — ist wichtig, aber unzureichend. Settler-Kolonialismus funktioniert durch die Landenteignung (dispossession of land): die anhaltende Aneignung indigenen Landes für kapitalistische Ressourcenextraktion. Solange das nicht anerkannt wird, bleibt Reconciliation unvollständig.

Raum 5 — Die Geschichte der Großmutter

Leanne Simpson sitzt mit ihrer Sprachlehrerin. Sie lernt ein neues Wort — und bevor sie es verwendet, bespricht sie es mit der Gemeinschaft, mit den Ältesten. Was bedeutet dieses Wort in diesem Kontext, in dieser Beziehung, für diese Menschen?

Das ist Simpsons Ansatz zur Theorie. Theorie ist nicht abstrakt und universal — sie entsteht aus der Gemeinschaft, aus der Erde, aus dem Gespräch. Nishnaabeg-Geschichten enthalten Ontologien — grundlegende Beschreibungen der Art zu sein in der Welt. Diese Ontologien verbinden Menschen mit der natürlichen Welt, mit Vorfahren, mit Verantwortung. Theorie ist hier nicht Distanzierung vom Gegenstand — sie ist Präsenz (presence).

Du verlässt den letzten Raum. Das andere Halbregal fängt an, sich zu füllen.

Simpson hätte gesagt: Die Welt wird nicht gekauft. Sie wird durch aktives Engagement mit anderen Menschen und der natürlichen Welt erschaffen.

3. Die theoretische Logik

Southern Theory ist Raewyn Connells 2007 formuliertes Projekt: Die soziologische Theorie zu demokratisieren durch die Einbeziehung von Theorien aus dem Globalen Süden. Northern Theory — auch Western oder Metropolitan Theory — besteht aus Theorien, die in Europa und Nordamerika entwickelt wurden und den Kanon dominieren. Southern Theory — auch Peripheral oder Indigenous Theory — besteht aus Theorien des Globalen Südens, die durch koloniale Wissenshierarchien marginalisiert wurden.

Connell zeigt exemplarisch Southern Theories aus verschiedenen Traditionen. Ibn Khaldun (1332–1406) entwickelte eine zyklische Staatstheorie, die auf der Unterscheidung zwischen nomadischen und sesshaften Gesellschaften sowie dem Konzept der ‚asabiyyah (Gruppensolidarität) basiert — Jahrhunderte vor vergleichbaren westlichen Konzepten. Iranische Theoretiker wie Al-e Ahmad entwickelten mit Westoxification eine Kritik des westlichen Imperialismus und suchten in lokalen religiösen Traditionen Ressourcen des Widerstands. Die Subaltern Studies Group entwickelte aus lokalen politischen Bewegungen in Indien Theorien, die imperiale Ideologien kritisierten und alternative Formen des Wissens valorisierten. Der nigerianische Soziologe Akiwowo leitete aus traditioneller Yoruba-Poesie soziologische Konzepte ab.

Glen Sean Coulthard verbindet Fanon, Marx und Dene-Denken zu einer Kritik der Politik der Anerkennung (politics of recognition). Hegels Anerkennungstheorie — die Grundlage vieler liberaler Reconciliation-Ansätze — versteht Kultur vor allem symbolisch: Sprache, Religion, Ritual. Coulthard zeigt: Für die Dene und viele andere indigene Völker umfasst Kultur auch die materielle Beziehung zur Erde. Das Konzept Indigenous Place-Thought (Vanessa Watts) betont: Die Erde ist nicht nur ein Hintergrund menschlichen Handelns — sie ist lebendig und vernetzt mit menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren. Landenteignung (dispossession of land) — Marxens Konzept der primitiven Akkumulation, von Coulthard als anhaltender Prozess reformuliert — ist das zentrale Instrument des Settler-Kolonialismus.

Leanne Simpsons Theorie der Resurgence (Resurgence) entwickelt Simpsons Nishnaabeg-Denken als umfassende Alternative: Theorie entsteht aus Geschichten, aus dem Gespräch mit der Gemeinschaft, aus der Beziehung zur Erde. Wichtige Konzepte: Präsenz (presence) als Fähigkeit zur Aufmerksamkeit gegenüber dem natürlichen und sozialen Umfeld; kognitive Erde als die Erde als Wissensquelle; contingente Theorie — Theorie ist immer situiert, relational und muss immer wieder neu verhandelt werden.

4. Die wichtigsten Begriffe

  • Northern Theory (Northern Theory) Theorien aus Europa und Nordamerika — auch Western oder Metropolitan Theory. Dominieren den soziologischen Kanon.
  • Southern Theory (Southern Theory) Theorien aus dem Globalen Süden — auch Peripheral oder Indigenous Theory. Von kolonialen Wissenshierarchien marginalisiert.
  • ‚asabiyyah Ibn Khalduns Begriff für Gruppensolidarität oder soziale Kohäsion. Entscheidend für die Entstehung und den Verfall von Dynastien in seiner zyklischen Staatstheorie.
  • Zyklische Staatstheorie Ibn Khalduns Theorie: Staatliche Formationen folgen Zyklen — nicht linearem Fortschritt wie in westlichen Theorien.
  • Westoxification Al-e Ahmads Begriff für die kollektiven negativen Folgen westlichen Imperialismus: Entfremdung von lokaler Kultur, Dominanz importierter Technologie und Werte.
  • Politik der Anerkennung (politics of recognition) Politische Praktiken, die auf der Idee basieren, dass das Wohlbefinden von Menschen von der Anerkennung ihrer einzigartigen kulturellen Identität abhängt. Coulthard: unzureichend, weil Landrechte ausgeblendet bleiben.
  • Landenteignung (dispossession of land) Die anhaltende Aneignung indigenen Landes durch Settler-Kolonialismus und kapitalistische Ressourcenextraktion. Coulthard: Primitive Akkumulation ist kein historisches Relikt, sondern ein gegenwärtiger Prozess.
  • Indigenous Place-Thought Watts‘ Begriff: Die Erde ist lebendig und vernetzt mit menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren — nicht nur ein Hintergrund menschlichen Handelns.
  • Resurgence Die Wiederbelebung und Regeneration indigenen Lebens durch indigene Kulturen und Ideen. Definiert sich nicht durch Kolonialismus, sondern durch die Ressourcen der vorkolonialen Vergangenheit.
  • Reconciliation Versuche, den Schaden des kolonialen Erbes zu überwinden und gerechte Beziehungen zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten herzustellen.

Quelle: Ritzer & Stepnisky — Contemporary Sociological Theory and Its Classical Roots, 6th Edition

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