Warum dominieren Männer — und welche Männer? Raewyn Connell (1944–) zeigt: Nicht alle Männer profitieren gleich von patriarchalen Strukturen. Gender hat eine interne Hierarchie — und diese Hierarchie ist das, was sie hegemoniale Männlichkeit nennt.
1. Kurzgefasst
Connells Theorie der hegemonialen Männlichkeit (hegemonic masculinity) analysiert Gender als Struktur — ein Merkmal sozialen Lebens, das individuelles Handeln einschränkt oder ermöglicht und mit fast allen anderen sozialen Bereichen verknüpft ist. Gender operiert auf drei Ebenen: Arbeit (geschlechtliche Arbeitsteilung), Macht (Hierarchien von Befehl und Kontrolle) und Kathexis (Gestaltung von Begehren). Hegemoniale Männlichkeit bezeichnet die gesellschaftliche Praxis, ein Ideal von Männlichkeit zu konstruieren und mit Führerschaft gleichzusetzen. Dieses Ideal variiert kulturell — aber die Struktur ist universell: Es gibt immer ein hegemonielles Männlichkeitsideal, das andere Männer und alle Frauen subordiniert. Subordinierte Männlichkeiten und betonte Weiblichkeit (emphasized femininity) bezeichnen die Positionen, die sich relativ zu diesem Ideal verorten. Strukturen können sich verändern — wenn Menschen beginnen, Praktiken zu verändern.
2. Der Museumsgang
Du gehst durch ein Museum der Gesellschaft. Links und rechts öffnen sich Räume, jeder zeigt eine Szene.
Raum 1 — Die Verknüpfung
Eine Frau bewirbt sich als Präsidentin. Ein Mann sagt: Frauen sind zu emotional. Woher kommt diese Überzeugung?
Das ist Connells Ausgangspunkt. Gender ist nicht nur eine Eigenschaft von Personen — es ist eine Struktur, die andere Lebensbereiche verknüpft. Die Überzeugung, Frauen seien zu emotional für Führung, verknüpft biologische Annahmen über Reproduktion mit Annahmen über politische Kompetenz. Diese Verknüpfung ist nicht rational — sie ist strukturell. Sie ist in die Praxis eingeschrieben und wird durch Praxis reproduziert.
Raum 2 — Die drei Ebenen
Drei Räume, nebeneinander.
Arbeit: Wer macht was? Wer wird dafür bezahlt? Die geschlechtliche Arbeitsteilung weist Frauen Reproduktions- und Fürsorgearbeit zu, Männern Produktion und öffentliche Sphäre. Macht: Wer befiehlt, wer gehorcht? Hierarchien von Kommando und Kontrolle sind nahezu universell männlich dominiert. Hegemoniale Männlichkeit ist das Herzstück dieser Machtstruktur. Kathexis: Wer begehrt wen, auf welche Weise? Gender gestaltet und begrenzt Begehrensstrukturen — wer als begehrenswert gilt, welche Sexualitäten als normal gelten.
Alle drei Ebenen sind miteinander verknüpft und durch die Struktur hegemonialer Männlichkeit organisiert.
Raum 3 — Das Ideal
Verschiedene Gesellschaften, verschiedene Zeiten. In einer: der kriegeriische Held. In einer anderen: der selbstgemachte Unternehmer. In einer weiteren: der coole Sportstar. Die Inhalte variieren — aber die Struktur ist überall dieselbe.
Das ist hegemoniale Männlichkeit: Jede Gesellschaft konstruiert ihr eigenes Ideal von Männlichkeit und setzt es mit Führerschaft gleich. Wer diesem Ideal am nächsten kommt, hat die besten Chancen auf Führungspositionen. Der hegemoniale Mann ist das Symbol der Kultur in ihrer machtvollsten Form. Er ist nicht die Mehrheit — er ist das Ideal, an dem sich alle messen.
Raum 4 — Die Hierarchie der Männer
Ein Sportteam. Vorne der Kapitän — maskulin, führend, bewundert. Daneben: andere Männer, die akzeptabel sind, nützlich, aber nie ganz das Ideal. Ganz hinten, kaum sichtbar: der schwule Spieler, der als zu feminin gilt.
Das ist die interne Hierarchie des Gender-Systems. Neben hegemonialer Männlichkeit gibt es subordinierte Männlichkeiten — Männer, die dem Ideal nicht entsprechen und dafür bestraft werden. Homosexuelle Männer sind die am stärksten subordinierten. Aber auch Männer of Color, Männer der Arbeiterklasse, Männer mit Behinderungen finden sich in subordinierten Positionen. Hegemoniale Männlichkeit ist nicht nur eine Struktur zwischen Männern und Frauen — sie ist eine Struktur innerhalb der Gruppe der Männer.
Raum 5 — Betonte Weiblichkeit
Eine Frau, die lächelt, zustimmt, sich anpasst — die Eigenschaften zeigt, die der hegemoniale Mann von seiner Partnerin erwartet. Nicht weil sie schwach ist — sondern weil die Struktur ihr wenig andere Optionen lässt.
Das ist betonte Weiblichkeit (emphasized femininity): die weibliche Position, die durch ihre Orientierung am hegemonialen Mann definiert wird. Es gibt kein weibliches Äquivalent zu hegemonialer Männlichkeit — Frauen finden ihre Position im Gender-System durch ihre Nähe zum oder Distanz vom hegemonialen Männlichkeitsideal.
Du verlässt den letzten Raum. Draußen wird das Ideal täglich neu hergestellt.
Connell hätte gesagt: Hegemoniale Männlichkeit ist keine Eigenschaft von Männern. Sie ist eine Struktur — und Strukturen können sich verändern.
3. Die theoretische Logik
Raewyn Connells Theorie der hegemonialen Männlichkeit ist aus einer induktiven Analyse einer breiten Forschungsliteratur zu Gender entwickelt. Ihr Ausgangspunkt ist das Verständnis von Gender als Struktur: ein Merkmal sozialen Lebens, das für die Betroffenen unveränderlich erscheint, ihr Handeln einschränkt oder ermöglicht — und das zum Objekt von Praxis werden kann, das heißt, das Menschen gezielt verändern können.
Gender verknüpft biologische Reproduktion mit nahezu allen anderen Lebensbereichen. Diese Verknüpfung ist kulturell variabel, aber strukturell universal. Connell identifiziert drei Ebenen, auf denen Gender als Organisationsprinzip wirkt: Arbeit — die geschlechtliche Organisation aller notwendigen Tätigkeiten für das Überleben der Gesellschaft; Macht — die Hierarchien von Befehl und Kontrolle, die nahezu universell männlich dominiert sind; und Kathexis — die Gestaltung und Begrenzung von Begehren und emotionaler Energie durch Gender.
Hegemoniale Männlichkeit bezeichnet die gesellschaftliche Praxis, in der alle Gesellschaften ein Ideal von Männlichkeit konstruieren und mit Führerschaft gleichsetzen. Der spezifische Inhalt variiert kulturell — aber die Struktur ist universell: Es gibt immer eine hegemoniale Form, und sie bestimmt, wer legitimen Zugang zu Führungspositionen hat. Männer, die diesem Ideal nahekommen, haben die besten Chancen auf führende Positionen. Andere Männer — subordinierte Männlichkeiten — werden durch ihre Abweichung vom Ideal benachteiligt. Frauen erhalten ihre Position im Gender-System durch betonte Weiblichkeit (emphasized femininity): die Messung ihrer Nähe zum Ideal der Partnerin des hegemonialen Mannes.
Connell betont: Strukturen sind nicht statisch. Menschen können sich dem Ziel widmen, hegemoniale Männlichkeit zu verändern — durch veränderte Praktiken, andere Männer in Führungspositionen, alternative Modelle des Zugangs zu Macht. Die Struktur ist real — aber sie ist menschlich gemacht und kann menschlich verändert werden.
4. Die wichtigsten Begriffe
- Hegemoniale Männlichkeit (hegemonic masculinity) Die gesellschaftliche Praxis, ein Ideal von Männlichkeit zu konstruieren und mit Führerschaft gleichzusetzen. Variiert kulturell im Inhalt, ist aber universell in der Struktur.
- Gender als Struktur Gender ist ein Merkmal sozialen Lebens, das andere Bereiche verknüpft, Handeln einschränkt oder ermöglicht und zum Objekt gezielter Veränderung werden kann.
- Arbeit, Macht, Kathexis Die drei Ebenen, auf denen Gender als Organisationsprinzip wirkt: geschlechtliche Arbeitsteilung, Machthierarchien, Gestaltung von Begehren.
- Subordinierte Männlichkeit Männer, die dem hegemonialen Ideal nicht entsprechen und dafür Nachteile erfahren — besonders homosexuelle Männer, aber auch Männer of Color und Männer der Arbeiterklasse.
- Betonte Weiblichkeit (emphasized femininity) Die weibliche Position im Gender-System, definiert durch Orientierung am hegemonialen Männlichkeitsideal. Kein weibliches Äquivalent zu hegemonialer Männlichkeit.
- Kathexis Die Gestaltung und Begrenzung von Begehren und emotionaler Energie durch Gender. Eine der drei Ebenen, auf denen Gender als Organisationsprinzip wirkt.
Quelle: Ritzer & Stepnisky — Contemporary Sociological Theory and Its Classical Roots, 6th Edition







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