Vor fünf Jahren, am 3.5.2021, habe ich meinen ersten Blogartikel veröffentlicht. Nun habe ich die KI Claude gebeten, meinen Blog zu analysieren. Nicht aus einem strategischen Grund sondern weil es das war, was mir einfiel, um dieses Tool auszuprobieren. Einfach aus Neugier. Generell eine spannende Frage: Wie nehmen andere mein Schreiben eigentlich wahr? Was wird darin deutlich? Und gibt es irgendeinen Stil, den ich zufällig mit jemandem gemeinsam habe? Was dabei herauskam, hat mich mehr berührt, als ich erwartet hatte.
This can be found in this blog article:
1. Was ist Claude überhaupt?
Claude ist ein KI-Assistent von Anthropic. Er ist ähnlich wie ChatGPT, aber mit einem etwas anderen Fokus. Die Geschwindigkeit ist nicht so wichtig, wie das tiefere Mitdenken.
Kennengelernt habe ich das Tool durch Blog-Profi Judith Sympatexter, als in ihrer Blogcommunity die Idee aufkam, dass wir ChatGPT eigentlich aus politischen Gründen nicht mehr unterstützen möchten.
Also gesagt, getan: Ich habe Claude ausprobiert. Und einfach auf meinen Blog verwiesen und gebeten, meinen Schreibstil zu analysieren und ihn mit bekannten Autor*innen zu vergleichen. Claude hat daraufhin mehrere meiner Artikel gelesen – aktuelle und ältere – und eine Analyse erstellt, die ich so nicht erwartet hatte.
2. Die Analyse selbst
Claude identifizierte drei Schreibmodi, die sich durch meinen Blog ziehen: einen persönlich-reflexiven, einen analytisch-systemischen und einen autobiografisch-mutigen. Was mich daran getroffen hat: Das stimmt. Ich erlebe mein Schreiben selbst genau so, je nach Thema, je nach Energie, je nach dem, wie viel ich gerade bereit bin zu zeigen.
Als Quintessenz des aktuellen Stils landete Claude bei Brené Brown, Pierre Bourdieu and Maggie Nelson:
- 89% Brené Brown: für die Verbindung von Verletzlichkeit und universeller Beobachtung

- 78% Pierre Bourdieu: für das Übersetzen von Soziologie in Menschensprache

- 63% Maggie Nelson: für das Schreiben über Körper und Identität als Erkenntnisquelle

Das alles hat mir geschmeichelt, mich überrascht und gleichzeitig fand ich diese Vergleiche sofort sehr stimmig. Mein Denken ist und war schon immer auf Multidimensionalität ausgelegt: Was passiert in mir? Was passiert mit mir und anderen? Welche Gruppeneffekte gibt es? Welche Systemeffekte gibt es? Was beeinflusst was? Wie wirkt sich das über den Zeitverlauf aus? Was ist änderbar auf welche Weise?
Und natürlich bin ich Soziologin, damit überrascht Bourdieu nicht wirklich. Also war es überraschend, weil es so stimmig war. Aber das war noch nicht das, was mich wirklich bei dieser Analyse von Außen beeindruckt hat.
3. Was die Analyse über meine Entwicklung sagt
Claude hat auf meinen Wunsch auch ältere Artikel gelesen, bis zurück zu meinem allerersten Beitrag aus 2021. Dabei wurde etwas deutlich, das ich zwar mehr oder weniger wusste, aber noch nie so klar vor mir gesehen hatte: Mein Schreiben hat sich fundamental verändert. Und zwar nicht irgendwie, sondern genau entsprechend meiner Entwicklung, die ich im Leben durchgemacht habe.
2021 war ich in meinen veröffentlichten Artikeln „die Expertin“, die erklärt. Fachlich, distanziert, korrekt. Persönliches? Kaum. Die Ich-Stimme? Fast nicht vorhanden. Was Claude als „Erklärmodus“ beschrieb, war damals auch ein Schutzmechanismus in der Zeit, als ich mit dem Bloggen begann, auch wenn ich das damals so nicht formuliert hätte. Dazu mehr im nächsten Abschnitt 4.
Dann, Schritt für Schritt, eine Lockerung. Erste persönliche Einblicke, das direkte Du an die Lesenden. Phasen, in denen ich Artikel veröffentlichte, Phasen in denen ich keine Artikel schrieb. Ab Herbst 2024 kam dann ein echter Wendepunkt: Ich hörte auf zu erklären und begann zu erzählen.
Und Claude entdeckte etwas, das die KI als „paradoxes Muster“ beschrieb: Je weniger ich erkläre, desto mehr Wirkung entsteht. Je mehr ich den Lesenden und mir selbst vertraue, desto stärker wird das Schreiben.
Hier die Screenshots der Analyse-Ergebnisse von Claude
Spannend ist dabei, dass die Merkmale des Sprachgebrauchs – Persönlichkeit, intellektuelle Tiefe, sprachliche Präzision – sich nicht gegenseitig abgelöst haben oder, das eine im Zeitverlauf weniger geworden wäre. Nein. Im Gegenteil. Im Zeitverlauf habe ich laut dieser Analyse einfach alle Merkmale ausgebaut. Ich würde sagen, meine Artikel wurden einfach dichter. Bekamen scheinbar mehr Essenz.



4. Was dahintersteckt
Ich bin seit Jahren auf einem Weg. Einem Weg, mich zu zeigen. Sichtbar zu werden. Das klingt einfach, ist es aber nicht – zumindest nicht, wenn man lange gelernt hat, sich anzupassen, möglichst korrekt zu sein, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Und auch nicht,w enn Diagnosen und Erlebnisse dir Traumata beschert haben.
Dass ich 2021 wieder mit dem Schreiben begann, war kein Zufall. Ich habe zwar mein Leben lang geschrieben, aber eher für mich selbst. Gedichte, Geschichten, Songtexte. Nichts davon hat die Welt außerhalb meiner Familie je gesehen. Außer vielleicht einzelnen Freund*innen. Tagebuch schreiben, habe ich nicht durchgehalten. Aber Briefbücher habe ich mit Freund*innen geschrieben – ich hatte tatsächlich zu einem Zeitpunkt 14 Brieffreund*innen. Aber es war eben meistens eine persönliche Korrespondenz.
In 2021 war das Schreiben für mich eine der Bewältigungsstrategien, um mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aufgrund einer Gewalterfahrung umzugehen. Es war – neben dem Gesangsunterricht, den ich zu diesem Zeitpunkt startete – Teil meines Weges „meine Stimme wiederzufinden“.
Ende 2025 habe ich mit fast 40 Jahren eine ADHS- und Hochbegabungsdiagnose bekommen, mit einzelnen autistischen Merkmalen. Puzzleteile, die vieles rückblickend erklären – über mein Denken, mein Fühlen, mein Funktionieren und insbesondere dazu, warum ich mich oft so fremd auf dieser Welt gefühlt habe.
Diese Diagnosen haben einen Prozess beschleunigt, der schon länger im Gange war. Als ich mit 30 die Diagnose Schilddrüsenkrebs bekam, fing ich an, meine Art, das Leben zu leben, noch mehr zu hinterfragen als ohnehin bereits. Die Frage „WER BIN ICH?“ konnte ich lange nicht beantworten. Aber ich wollte die beantworten. Also startete ich eine ganz persönliche Entwicklungsreise. Und seit meiner PTBS-Erkrankung bin ich nun auf dem Weg, mich mit meinem „WER BIN ICH?“ zu zeigen. Sichtbar zu werden. Auch wenn ich keine endgültige Antwort auf diese Frage habe. Und vielleicht auch nie haben werde.
Seitdem öffne ich mich mehr und mehr. Auch öffentlich. Dass sich das anhand meiner Blogartikel so klar ablesen lässt – als Kurve, als Zeitstrahl, als Stilentwicklung – das hat mich ehrlich überrascht. Und bewegt. Weil es zeigt: Schreiben ist nicht nur Kommunikation. Es ist Persönlichkeit. Es ist Mut. Es ist das, was passiert, wenn man sich traut, weniger zu kontrollieren.
5. Was das für mich bedeutet
Ich werde weiter schreiben. Noch persönlicher. Noch direkter. Mit noch weniger Schutzkonstruktion. Nicht von jetzt au gleich. Aber ich habe Mut gefasst, dieser Entwicklung ihren Lauf zu lassen. Und das ist eine extreme Entwicklung in 5 Jahren Bloggen, wenn ich bedenke, wie sehr ich gezittert habe, als ich erstmals auf den „Veröffentlichen“ Button geklickt habe.
Und ich werde – das ist ein Vorhaben, das gerade Gestalt annimmt – irgendwann einen Artikel schreiben, der diesen Weg noch konkreter beschreibt. Den Weg von der kontrollierten Expertin zur sichtbaren Person. Mit allem, was dazugehört. Oder ien Buch. Oder einen Podcast? Who knows mit meinem hyperaktiven Gehirn und seinen 1000 Ideen.
Vorerst nehme ich mir aus dieser kleinen KI-Übung vor allem eines mit: Es lohnt sich, von außen auf sich zu schauen. Manchmal sieht man dann Dinge, die man von innen nicht sehen kann – oder noch nicht sehen wollte.
Zum selbst ausprobieren:
Claude ist kostenlos zugänglich unter claude.ai. Kopiere einfach den folgenden Prompt, füge die URL deines Blogs ein und schau, was dabei herauskommt. Ich bin gespannt auf deine Ergebnisse.
Schreib sie gerne in die Kommentare!
Prompt zum Kopieren:
Ich möchte, dass du meinen Schreibstil analysierst. Besuche dazu meinen Blog: [DEINE URL HIER EINFÜGEN]
Lies mehrere Artikel – aktuelle und ältere. Analysiere dann:
- Welche Schreibmodi erkennst du?
- Welchen bekannten Autor:innen ähnelt mein Stil und warum?
- Wie hat sich mein Schreibstil über die Zeit entwickelt?
- Was ist mein stärkstes stilistisches Merkmal?
Erstelle eine visuelle Auswertung mit Grafiken, die ich mir ansehen kann.





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