Wie lässt sich die gesamte Komplexität von Rasse in einer systematischen Theorie erfassen? Mustafa Emirbayer und Matthew Desmond verbinden Bourdieus Feldtheorie mit Durkheims Kultursoziologie — und entwickeln das bisher umfassendste soziologische Modell der rassistischen Ordnung.
1. Kurzgefasst
Emirbayer und Desmond entwickeln eine systematische Theorie der Rasse (systematic theory of race): eine Theorie, die multiple Perspektiven integriert, auf mehreren Analyseebenen operiert und ein umfassendes Set analytischer Kategorien bereitstellt. Kern ist Bourdieus Konzept des Feldes: Rasse existiert nur innerhalb von Feldern. Das Rassfeld (racial field) beschreibt die Gesamtheit rasszialisierter Identitäten in einer Gesellschaft und ihre Beziehungen zueinander. Rassiales Kapital (racial capital) ist die Macht, die aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten raszialisierten Gruppe entsteht. Rassiale Kulturstrukturen organisieren das symbolische Leben rasszialisierter Identitäten. Rassiale kollektiv-emotionale Strukturen beschreiben die gruppenspezifischen Gefühlsstrukturen gegenüber Rasse. Drei Formen von Agency: praktisch-evaluative, iterative und projektive Agency — letztere entweder als Konservationsstrategie oder Subversionsstrategie.
2. Der Museumsgang
Du gehst durch ein Museum der Gesellschaft. Links und rechts öffnen sich Räume, jeder zeigt eine Szene.
Raum 1 — Die Feldkarte
Eine Karte der amerikanischen Gesellschaft. Keine geographische Karte — eine Karte von Positionen: weiß, schwarz, hispanisch, asiatisch, indigen. Jede Position kommt mit unterschiedlichem Kapital, unterschiedlichen Regeln, unterschiedlicher Macht.
Das ist das Rassfeld (racial field). Analog zu Bourdieus Feldern in Kunst, Wissenschaft oder Politik: Rasse existiert als ein Netzwerk von Positionen mit eigener Logik, eigenen Einsätzen, eigenen Machtstrukturen. Wer eine Position im Rassfeld einnimmt — oder dazu gebracht wird — erlangt eine rasszialisierte Identität.
Raum 2 — Das rassiale Kapital
Zwei Personen mit ähnlichem ökonomischem Kapital. Eine ist weiß, eine ist schwarz. Ihre Lebenschancen, ihre Bewegungsfreiheit, ihr Zugang zu Institutionen sind trotzdem verschieden.
Das ist rassiales Kapital (racial capital): die Macht, die aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten raszialisierten Gruppe entsteht. In der amerikanischen Gesellschaft besitzen weiße Menschen europäischer Abstammung das meiste rassiale Kapital — und nutzen es, um die Regeln des Rassfeldes zu definieren.
Raum 3 — Das Heilige und das Profane
Zwei Bilder an der Wand. Linkes Bild: Ein weißes Amerikanerbild — sauber, ordentlich, moralisch. Rechtes Bild: Ein Bild schwarzer Menschen — gefährlich, problematisch, profan. Diese Repräsentationen sind nicht zufällig — sie sind systematisch und historisch gewachsen.
Das sind rassiale Kulturstrukturen (racial cultural structures): die symbolische Organisation des raszialisierten Lebens. Emirbayer und Desmond nutzen Durkheims Unterscheidung zwischen Heiligem und Profanem: In der amerikanischen Kultur sind weiße Menschen sakral repräsentiert, schwarze Menschen profan. Native Americans werden mythologisiert und romantisiert — eine andere Form der symbolischen Kontrolle.
Raum 4 — Die Gefühle
Eine weiße Person, die plötzlich hört, ihre Privilegien würden in Frage gestellt. Zuerst Überraschung, dann Scham, dann Wut. Eine schwarze Person, die jeden Tag mit Diskriminierung konfrontiert ist: Verzweiflung, Apathie, aber auch Hoffnung und Optimismus — widersprüchlich, gleichzeitig.
Das sind rassiale kollektiv-emotionale Strukturen (racial collective-emotional structures): die gruppenspezifischen Gefühlsmuster gegenüber Rasse. Gefühle sind nicht nur persönlich — sie sind sozial strukturiert. Gruppen an der dominanten Seite des Rassfeldes erleben Sicherheit, Stolz, Anspruch — und Scham und Wut, wenn ihre Position herausgefordert wird.
Raum 5 — Die drei Agencyformen
Drei Szenen nebeneinander.
Links: jemand handelt spontan, reagiert auf die ungeschriebenen Regeln des Rassfeldes ohne darüber nachzudenken — praktisch-evaluative Agency. Mitte: jemand reproduziert automatisch die rassistischen Gewohnheiten der Vergangenheit — iterative Agency. Rechts: jemand plant gezielt, das Rassfeld zu verändern — eine antirassistische Aktivistin — projektive Agency als Subversionsstrategie. Oder: jemand plant, die weiße Vorherrschaft zu erhalten — projektive Agency als Konservationsstrategie.
Du verlässt den letzten Raum. Deine Position im Rassfeld wartet schon auf dich.
Emirbayer und Desmond hätten gesagt: Rasse ist nicht das, was du bist. Es ist das Feld, in dem du dich bewegst.
3. Die theoretische Logik
Emirbayer und Desmond entwickelten ihre systematische Theorie der Rasse als Antwort auf ein Desiderat: Es gab viele empirisch reiche und theoretisch bedeutsame Einzelbeiträge zur Soziologie der Rasse — aber keine umfassende Theorie, die alle zusammenbrachte. Ihr Modell ist systematisch in dem Sinne, dass es multiple theoretische Perspektiven integriert, auf mehreren Analyseebenen operiert und ein kohärentes Set analytischer Kategorien bereitstellt.
Das zentrale Konzept ist Bourdieus Feld (field): ein Netzwerk von Beziehungen zwischen objektiven Positionen in einem Bereich des sozialen Lebens. Emirbayer und Desmond ergänzen: Rassfelder (racial fields) sind die spezifischen Felder, in denen rasszialisierte Identitäten entstehen und organisiert werden. Innerhalb dieser Felder bestimmt die Verteilung von rassialem Kapital (racial capital) — der Macht, die aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten raszialisierten Gruppe entsteht — die Position der Akteure. Es gibt verschiedene Rassfelder: das globale, nationale, das Feld der Weißheit, das Feld der Schwärze, das Feld der Indianness usw.
Rassiale Kulturstrukturen (racial cultural structures) beschreiben die symbolische Organisation des raszialisierten Lebens — wie verschiedene Gruppen sakral oder profan repräsentiert werden, basierend auf Durkheims Unterscheidung. Rassiale kollektiv-emotionale Strukturen (racial collective-emotional structures) beschreiben die gruppenspezifischen Gefühlsmuster gegenüber Rasse — Emotionen haben eine eigene Logik und Macht unabhängig von kognitiven Strukturen.
Agency im Rassfeld nimmt drei Formen an. Praktisch-evaluative Agency ist das spontane, dynamische Engagieren mit den ungeschriebenen Regeln des Feldes. Iterative Agency reproduziert habituell die Traditionen und Strukturen des Rassfeldes — die rassiale Illusio (racial illusio), das geteilte Verständnis davon wie das Rassfeld funktioniert. Projektive Agency ist zukunftsorientiert: entweder als Konservationsstrategie — die bestehende rassistische Ordnung erhalten — oder als Subversionsstrategie — sie verändern oder umkehren.
4. Die wichtigsten Begriffe
- Systematische Theorie der Rasse (systematic theory of race) Eine Theorie, die multiple Perspektiven integriert, auf mehreren Analyseebenen operiert und umfassende analytische Kategorien bereitstellt.
- Rassfeld (racial field) Die Gesamtheit rasszialisierter Identitäten in einer Gesellschaft und ihre Beziehungen zueinander. Rasse existiert nur innerhalb von Feldern.
- Rassiales Kapital (racial capital) Die Macht, die aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten raszialisierten Gruppe entsteht.
- Rassiale Kulturstrukturen (racial cultural structures) Die symbolische Organisation des raszialisierten Lebens — wie Gruppen sakral oder profan repräsentiert werden.
- Rassiale kollektiv-emotionale Strukturen (racial collective-emotional structures) Die gruppenspezifischen Gefühlsmuster gegenüber Rasse — sozial strukturiert, mit eigener Logik.
- Rassiale Illusio (racial illusio) Das geteilte Verständnis davon, wie das Rassfeld funktioniert und welche Regeln es hat.
- Praktisch-evaluative Agency Spontanes, dynamisches Handeln in und mit den ungeschriebenen Regeln des Rassfeldes.
- Iterative Agency Habituelles Reproduzieren der Traditionen und Strukturen des Rassfeldes.
- Projektive Agency Zukunftsorientiertes Handeln: als Konservationsstrategie (bestehende Ordnung erhalten) oder Subversionsstrategie (sie verändern).
Quelle: Ritzer & Stepnisky — Contemporary Sociological Theory and Its Classical Roots, 6th Edition


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