Triff mich besser nicht, wenn…

19 Sep. 2026 | Impulse

Die Idee für diesen Text habe ich bei meiner Blog-Kollegin Kerstin Sönnichsen auf Instagram entdeckt. Sie hatte Chat GPT gefragt: „Beschreibe mich mal so, als würdest du versuchen, jemanden davor zu warnen, mich zu treffen.“

Natürlich musste ich das ausprobieren. ChatGPT kennt inzwischen ziemlich viele meiner Gedanken, Widersprüche und wiederkehrenden Fragen. Also, schauen wir es uns doch mal an.

Wie müsste man Menschen vor mir warnen?

Triff mich nicht, wenn du eigentlich nur Bestätigung willst.

Ich bin sehr einfühlsam. Aber ich bin auch norddeutsch ehrlich. Eine manchmal ungünstige Kombination, wenn du eigentlich möchtest, dass jemand freundlich nickt.

Ich kann sehr gut verstehen, warum du etwas tust, und mich in unterschiedliche Perspektiven hineinversetzen. Das heißt nicht automatisch, dass ich dir zustimme.

Und wenn du mich beruflich engagierst, damit ich einem längst beschlossenen Vorgehen noch einen professionellen Stempel gebe, sind wir vermutlich auch kein perfektes Match.

Bei „schwierigen Mitarbeitenden“ frage ich, unter welchen Bedingungen diese Menschen arbeiten. Bei „Widerstand“ interessiert mich, wofür dieses Verhalten vielleicht eine ziemlich vernünftige Reaktion ist. Und bei „Partizipation“ möchte ich wissen, ob Menschen tatsächlich etwas mitentscheiden können – oder nur gefragt werden.

Ich stelle leider Fragen.

Triff mich nicht, wenn du möchtest, dass ich dir sage, was mit dir nicht stimmt.

Wir sind ziemlich gut trainiert darin zu fragen: Was fehlt dir? Was kannst du noch nicht? Wo musst du disziplinierter, effizienter, resilienter oder besser werden? Aber ich interessiere mich erstaunlich wenig dafür, Menschen zu reparieren. Das mag für eine Coachin und Beraterin etwas unpraktisch klingen. Mich interessieren andere Fragen: Was kannst du bereits? Was funktioniert? Was trägt dich? Worauf kannst du aufbauen? Und was ist vielleicht gerade so sehr von Problemen überlagert, dass du es selbst nicht mehr sehen kannst?

Triff mich nicht, wenn du alles zum individuellen Problem machen möchtest.

Wenn du erschöpft bist, werde ich dir nicht automatisch erklären, wie du dein Stressmanagement verbessern kannst. Vielleicht versuchst du gerade, innerhalb ziemlich beschissener Bedingungen irgendwie zu funktionieren. Dann sollten wir auch über diese Bedingungen reden. Strukturen sind real. Ungleichheiten sind real. Begrenzungen sind real. Und gleichzeitig werde ich dich nicht auf sie reduzieren.

Irgendwann werde ich vermutlich anfangen, nach deinen Handlungsspielräumen zu suchen: nach dem, was du beeinflussen kannst, was du schon kannst und was vielleicht längst da ist. Mich interessiert beides: Unter welchen Bedingungen handelst du? Und was ist innerhalb dieser Bedingungen möglich?

Triff mich nicht, wenn Titel dich beeindrucken.

Titel können etwas über Qualifikation sagen, Positionen etwas über Verantwortung und Zertifikate etwas über erworbene Kompetenzen. Aber all das macht einen Menschen nicht automatisch wichtiger oder richtiger.

Deshalb interessiert mich in Gruppen nicht nur, was die Person mit der höchsten Position zu sagen hat. Mich interessiert auch die Person, die seit 45 Minuten schweigt. Welches Wissen wird gerade nicht gehört? Wer bekommt Anerkennung? Wer muss für dieselbe Aufmerksamkeit erheblich mehr tun? Und wessen Expertise taucht in keinem Organigramm auf?

Menschen bringen nämlich schon ziemlich viel mit.

Triff mich nicht, wenn „alle gleich“ für dich automatisch gerecht bedeutet.

Ich bin Feministin. Chancengerechtigkeit und Gleichwürdigkeit sind für mich keine Wörter, die man ins Leitbild schreibt und bei schwierigen Entscheidungen wieder vergisst. Menschen starten nicht am selben Punkt. Sie haben nicht dieselben Ressourcen, Zugänge, Sicherheiten und Handlungsspielräume. Deshalb interessiert mich nicht nur: Was ist möglich? Sondern auch: Für wen ist es möglich? Wenn die Antworten unbequem werden, höre ich nicht auf zu fragen. Dann wird es meistens erst interessant.

Triff mich nicht, wenn du lieber nett als ehrlich bist.

Ich schätze Ehrlichkeit sehr und verstehe tatsächlich oft den Sinn von Lügen nicht. Das bedeutet nicht, dass ich jedem Menschen ungefragt jede Meinung ins Gesicht knalle. Ehrlichkeit ohne Einfühlungsvermögen ist schließlich auch nur Rücksichtslosigkeit mit gutem Marketing. Wenn wir uns nahestehen, möchte ich mich darauf verlassen können, dass das, was du mir sagst, stimmt. Dabei ist ist ein klares „Das sehe ich anders“ für mich respektvoller als fünf kommunikative Pirouetten um das herum, was wir beide längst wissen.

Triff mich nicht, wenn Nähe für dich bedeutet, keine Grenzen zu haben.

Ich kann Menschen sehr lieben und trotzdem dringend meine Ruhe brauchen. Beides gleichzeitig. Ich kann sehr eigenständig sein und mir tiefe Verbundenheit wünschen. Freiheit brauchen und Bindung wollen. Nähe genießen und trotzdem gerne alleine reisen. Und wenn du glaubst, Interesse müsse man nicht zeigen, wird es ebenfalls schwierig. Ich kann mit vielen Dingen umgehen, aber Gedankenlesen gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen.

Triff mich nicht, wenn du Sowohl-als-auch für Unentschlossenheit hältst.

Eines der schönsten Komplimente, die ich jemals bekommen habe, war: „Du bist ein Widerspruch in sich.“ Ich bin Wissenschaftlerin und Sambista. Unternehmensberaterin und Feministin. Sehr einfühlsam und ziemlich direkt. Ich liebe wissenschaftliche Fundierung und vertraue gleichzeitig darauf, was ich in einem Raum wahrnehme. Ich kann sehr strukturiert planen und spontan beschließen, etwas völlig anderes zu machen. Ich brauche viel Ruhe und kann vier Stunden durchtanzen. Ich mag tiefe Gespräche und völligen Blödsinn. Ich reise gerne alleine und wünsche mir tiefe Verbundenheit.

Für mich muss sich davon nichts gegenseitig aufheben.

Menschen dürfen widersprüchlich sein.

Triff mich nicht, wenn Kompliziertheit dich beeindruckt.

Mein Gehirn liebt Zusammenhänge, Muster, Wechselwirkungen und Verbindungen zwischen Dingen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Ich kann mich begeistert durch Studien, Theorien und Modelle arbeiten. Was mich dagegen ziemlich schnell langweilt: Kompliziertheit als Statussymbol. Ich möchte Komplexität so lange sortieren, zerlegen und neu zusammensetzen, bis aus „Oh Gott, das ist alles wahnsinnig kompliziert. Da geht’s nciht weiter“ ein „Ahhh. Jetzt sehe ich es, lass uns schauen wie es weitergeht“ wird. Vereinfachen: gerne. Verfälschen: nein.

Spiel nicht mit mir, wenn nur Perfektion zählt.

Natürlich möchte ich meine Instrumente beherrschen. Aber viel spannender finde ich, was passiert, wenn Menschen miteinander spielen. Ein Rhythmus kommt dazu, ein anderer antwortet. Jemand gibt Orientierung, andere tragen. Menschen bewegen sich. Irgendwann entsteht etwas, das keiner von ihnen alleine herstellen könnte. Genau dieser Moment fasziniert mich.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich Begeisterung überhaupt nicht peinlich finde. Ich kann mich hemmungslos freuen, laut lachen, mich reinwerfen und Dinge ausprobieren, die ich noch nicht kann. „Das kann ich noch nicht“ und „Das kann ich nicht“ sind zwei ziemlich unterschiedliche Sätze. Und „Das habe ich noch nie gemacht“ ist für mich erstaunlich selten ein Argument dagegen. Eher dafür.

Triff mich nicht, wenn du schon vorher wissen musst, was am Ende herauskommt.

Ich bereite mich gerne sehr gut vor. Aber der Plan ist für mich nicht heiliger als die Realität. Wenn plötzlich etwas anderes wichtig wird, möchte ich es bemerken können. Wenn jemand eine Perspektive einbringt, an die vorher niemand gedacht hat, möchte ich dafür Platz haben. Und wenn Menschen wirklich beteiligt werden sollen, kann das Ergebnis nicht vollständig feststehen, bevor sie den Raum betreten. Sonst könnten wir uns die Beteiligung auch sparen.

Triff mich nicht, wenn du glaubst, die spannendsten Dinge passieren in einzelnen Menschen.

Mich interessiert das Dazwischen. Was passiert zwischen Menschen? Zwischen unterschiedlichen Perspektiven? Zwischen deinem Anliegen und meinem? Zwischen einer Idee und jemandem, der plötzlich sagt: „Warte mal. Da könnte ich etwas beitragen.“ Ich glaube nicht, dass alle dasselbe wollen müssen, damit etwas Gemeinsames entstehen kann. Mich interessieren Schnittmengen und Räume, in denen unterschiedliche Menschen etwas miteinander anfangen können. Da sind sich Samba und meine Arbeit überraschend ähnlich: Alle bringen etwas mit. Niemand stellt das Ganze alleine her. Und wenn es funktioniert, entsteht etwas, das mehr ist als die Summe der einzelnen Beiträge.

Und triff mich vielleicht wirklich nicht, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.

Nicht, weil ich glaube, dass ständig alles verändert werden muss. Dieses ewige Höher-schneller-weiter interessiert mich wenig. Aber ich stelle Fragen. Ich sehe Zusammenhänge. Ich werde neugierig auf Widersprüche. Ich bemerke manchmal Ressourcen, die jemand selbst gerade nicht sieht. „Was noch?“ und „Warum eigentlich nicht?“ gehören zu meinen Lieblingsfragen. Ich glaube ziemlich fest daran, dass Menschen selbst etwas bewegen können, wenn sie sehen, was sie schon mitbringen. Wenn Handlungsspielräume wieder sichtbar werden. Wenn unterschiedliche Menschen Schnittmengen entdecken. Und wenn wir gleichzeitig nicht so tun, als hätten alle dieselben Chancen, diese Handlungsspielräume auch zu nutzen.

Die eigentliche Warnung

Ich möchte Menschen nicht retten. Ich möchte sie bestärken.

Ich möchte Komplexität nicht beseitigen. Ich möchte sie greifbar machen.

Ich möchte Unterschiede nicht einebnen. Mich interessiert, was dazwischen entstehen kann.

Ich möchte Schwierigkeiten nicht schönreden. Aber ich möchte auch nicht übersehen, was längst da ist.

Und ich möchte Ungerechtigkeit nicht akzeptieren, nur weil sie kompliziert zu verändern ist.

Also lautet die eigentliche Warnung vielleicht:

Triff mich nicht, wenn du möchtest, dass nach unserer Begegnung garantiert alles genauso ist wie vorher.

Ich könnte nämlich irgendwo einen Handlungsspielraum entdecken, den du bisher erfolgreich übersehen hast.

Und dann will ich ziemlich sicher wissen, was du damit machen könntest.

Lorena Hoormann

Über die Autorin

Lorena Hoormann

Ich begleite Menschen und Teams dabei, ihre SelbstwirkKRAFT zu entfalten — als Trainerin, Coach und Lehrende. Meine Arbeit verbindet systemisches Denken mit ehrlicher Reflexion, damit Veränderung wirklich trägt.

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