Manchmal kommen wir bei einem Thema einfach nicht weiter, obwohl wir längst wissen, was wir erreichen möchten, und vielleicht schon vieles ausprobiert haben. Je intensiver wir uns damit beschäftigen, warum etwas nicht funktioniert, desto mehr Hindernisse und Schwierigkeiten scheinen aufzutauchen. Unser Blick wird enger, die wahrgenommenen Möglichkeiten werden weniger und irgendwann haben wir das Gefühl, weder vor noch zurück zu können.
Doch was, wenn nicht unbedingt unsere tatsächlichen Möglichkeiten kleiner geworden sind, sondern vor allem unser Blick darauf? Und welche Rolle spielen dabei unser Problemfokus und die gut gemeinten Ratschläge anderer?
Wenn wir wissen, was zu tun wäre, und trotzdem nicht weiterkommen
Stell dir vor, jemand schiebt seit Monaten die eigene Abschlussarbeit vor sich her. Fachlich ist die Person absolut in der Lage, sie zu schreiben, das Thema steht fest und der Wunsch, endlich fertig zu werden, ist groß. Trotzdem geht nichts weiter und die Person kann selbst nicht so recht erklären, warum sie einfach nicht ins Schreiben kommt. Vielleicht hat sie schon mehrere Zeitpläne erstellt, sich feste Schreibzeiten vorgenommen oder versucht, mit kleinen Aufgaben anzufangen, aber irgendwie landet sie immer wieder am selben Punkt.
Solche Situationen kennen wir vermutlich alle, auch wenn es bei uns nicht unbedingt eine große Abschlussarbeit ist. Vielleicht geht es um eine Entscheidung, die wir schon lange treffen möchten, eine Veränderung im Beruf, ein schwieriges Gespräch oder ein Vorhaben, das uns eigentlich wichtig ist. Wir denken darüber nach, wägen ab, versuchen etwas und landen trotzdem immer wieder bei denselben Überlegungen. Irgendwann beschäftigt uns nicht mehr nur das ursprüngliche Thema, sondern zunehmend auch die Frage, warum wir eigentlich nicht weiterkommen.
Wie unser Problemfokus den Blick verengen kann
In meinen Change-Management-Lehrveranstaltungen und Trainings beschäftige ich mich regelmäßig mit der Wirkung von Problem- und Lösungsfokus. Dabei zeigt sich ein interessanter Mechanismus: Je stärker wir unsere Aufmerksamkeit auf ein Problem und alles richten, was damit nicht funktioniert, desto mehr Schwierigkeiten, Hindernisse und Einschränkungen nehmen wir möglicherweise wahr. Das ist zunächst durchaus nachvollziehbar, schließlich versuchen wir herauszufinden, was uns im Weg steht, um anschließend etwas daran verändern zu können.
Schwierig wird es allerdings, wenn wir immer wieder um dieselben Hindernisse kreisen und unsere Aufmerksamkeit kaum noch auf etwas anderes richten. Wir werden zunehmend besser darin, zu erklären, warum etwas schwierig ist, was alles dagegen spricht und weshalb bisherige Versuche nicht funktioniert haben. Dadurch kann sich unser wahrgenommener Möglichkeitsraum immer weiter verengen, bis wir irgendwann den Eindruck bekommen, es gäbe überhaupt keinen gangbaren Weg mehr. Dabei ist keineswegs gesagt, dass unsere tatsächlichen Möglichkeiten weniger geworden sind, nur weil wir sie gerade nicht mehr erkennen können.
Warum auch gut gemeinte Ratschläge das Problem verstärken können
Wenn wir anderen von einer solchen Situation erzählen, bekommen wir häufig gut gemeinte Ratschläge. Bei der Abschlussarbeit wären das vielleicht Vorschläge wie „Mach dir doch einen Zeitplan“, „Schreib einfach jeden Tag eine halbe Stunde“ oder „Du musst halt irgendwann anfangen“. Dahinter steckt meistens der ehrliche Wunsch zu helfen, allerdings wissen die Ratgebenden oft gar nicht, was die andere Person bereits überlegt, ausprobiert oder wieder verworfen hat.
Und genau dadurch kann eine interessante Gesprächsdynamik entstehen: Auf jeden neuen Vorschlag folgt eine Erklärung, warum dieser nicht funktioniert oder unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist. Die Person beginnt, ihre Situation zu rechtfertigen, bisherige Versuche aufzuzählen und immer weitere Hindernisse zu benennen. Statt neue Möglichkeiten zu erkunden, beschäftigt sie sich zunehmend damit, warum die vorgeschlagenen Wege nicht funktionieren. So kann es passieren, dass wir unser Gegenüber durch unsere Ratschläge ungewollt dazu bringen, das eigene Problem zu verteidigen, obwohl es dieses eigentlich verändern möchte.
Ein Lösungsvorschlag ist noch keine Lösungsfokussierung
Auf den ersten Blick klingt das widersprüchlich, schließlich sollen Ratschläge doch Lösungen aufzeigen und damit den Blick vom Problem weglenken. Aber genau hier liegt eine wichtige Unterscheidung: Eine Lösung vorzuschlagen bedeutet noch lange nicht, lösungsfokussiert zu kommunizieren. Wenn ein Vorschlag dazu führt, dass sich das Gespräch erneut darum dreht, warum etwas nicht geht, bleiben wir trotz vermeintlicher Lösungsorientierung weiterhin im Problemfokus.
Lösungsfokussierung bedeutet hingegen, unsere Aufmerksamkeit bewusst auf das zu richten, was wir erreichen möchten, was bereits funktioniert und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben könnten. Dabei geht es nicht darum, Schwierigkeiten zu ignorieren oder so zu tun, als ließen sich alle Probleme mit einer positiven Einstellung beseitigen. Reale Grenzen, äußere Bedingungen und vorhandene Ressourcen spielen selbstverständlich eine Rolle, denn nicht alles, was wir uns vorstellen können, ist unter den tatsächlichen Umständen auch umsetzbar. Aber wir können uns fragen, ob wir gerade noch Möglichkeiten erkunden oder hauptsächlich damit beschäftigt sind, die Grenzen unserer bisherigen Sichtweise zu bestätigen.
Müssen wir überhaupt wissen, warum wir feststecken?
Wenn jemand nicht weiterkommt, versuchen wir häufig zunächst herauszufinden, woran das liegt. Bei der Bachelorarbeit könnten wir beispielsweise über Perfektionismus, fehlende Motivation, Überforderung, Angst vor Bewertung oder mangelnde Selbstdisziplin nachdenken. Vielleicht steckt tatsächlich etwas davon dahinter, vielleicht aber auch etwas völlig anderes, das uns bisher gar nicht in den Sinn gekommen ist. Und natürlich kann es hilfreich sein, Ursachen zu verstehen, insbesondere dann, wenn konkrete Hindernisse oder belastende Rahmenbedingungen verändert werden müssen.
Aber müssen wir wirklich immer wissen, warum etwas nicht funktioniert, bevor wir weiterkommen können? Aus einer lösungsfokussierten Perspektive ist das nicht zwingend notwendig, denn wir können auch damit beginnen, uns mit dem gewünschten Zustand und möglichen Unterschieden zur aktuellen Situation zu beschäftigen. Statt immer tiefer nach den Ursachen des Feststeckens zu suchen, könnten wir erkunden, wohin wir eigentlich möchten, wann uns bereits etwas in diese Richtung gelingt und unter welchen Bedingungen ein nächster Schritt denkbar wäre. Manchmal entstehen dadurch neue Perspektiven, ohne dass wir das ursprüngliche Problem vollständig verstanden oder erklärt haben.
Wenn Wollen, Können und Tun nicht dasselbe sind
Besonders deutlich wird die Bedeutung dieser Unterscheidung bei Aussagen wie „Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch“. Solche Sätze unterstellen, dass zwischen einem Wunsch und seiner Umsetzung vor allem die notwendige Entschlossenheit liegt. Dabei wissen wir aus eigener Erfahrung, dass wir etwas unbedingt wollen und grundsätzlich auch können können, ohne es deshalb automatisch umzusetzen. Zwischen Wollen, Können und Tun liegen manchmal widersprüchliche Bedürfnisse, begrenzte Ressourcen, Erwartungen, Unsicherheiten oder Rahmenbedingungen, die wir nicht einfach verändern können.
Wenn wir fehlendes Handeln vorschnell als mangelnden Willen interpretieren, kann dadurch ein zusätzlicher Druck entstehen, der uns nicht unbedingt weiterhilft. Wir beschäftigen uns dann womöglich nicht mehr nur mit dem ursprünglichen Vorhaben, sondern beginnen auch noch, an unserer Disziplin, Motivation oder Kompetenz zu zweifeln. Vielleicht wäre es hilfreicher, zunächst zu unterscheiden, was wir tatsächlich wollen, was wir unter den gegebenen Bedingungen können und welche Möglichkeiten wir im Moment überhaupt wahrnehmen. Denn nicht jede Schwierigkeit lässt sich durch mehr Anstrengung überwinden und nicht jedes Nicht-Handeln bedeutet, dass uns etwas nicht wichtig genug ist.
Den eigenen Möglichkeitsraum wieder wahrnehmen
Wenn wir das Gefühl haben festzustecken, erscheint uns unsere Situation manchmal wie eine Sackgasse, in der nur noch wenige oder gar keine Wege offenstehen. Doch unser wahrgenommener Möglichkeitsraum ist nicht zwangsläufig identisch mit den Möglichkeiten, die unter den tatsächlichen Bedingungen vorhanden sind. Manche Wege haben wir vielleicht noch gar nicht in Betracht gezogen, andere vorschnell ausgeschlossen und wieder andere erscheinen uns so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht mehr als Wahlmöglichkeit erkennen.
Genau hier kann ein Perspektivwechsel hilfreich sein, denn es geht zunächst nicht darum, sofort die eine richtige Lösung zu finden oder möglichst schnell ins Handeln zu kommen. Vielmehr können wir versuchen, wieder Unterschiede zu erkennen, Alternativen wahrzunehmen und herauszufinden, welche Möglichkeiten unter unseren tatsächlichen Bedingungen bestehen. Dabei kann sich auch zeigen, dass bestimmte Wege für uns gar nicht infrage kommen oder dass wir etwas, das wir bisher unbedingt erreichen wollten, inzwischen anders bewerten. Auch das erweitert unsere Orientierung, denn eine Möglichkeit wahrzunehmen bedeutet schließlich nicht, dass wir sie nutzen müssen.
Was das mit Selbstwirkkraft® zu tun hat
Selbstwirkkraft® bedeutet für mich nicht, dass wir alles schaffen können, wenn wir uns nur genügend anstrengen, oder dass wir für jedes Problem möglichst schnell eine Lösung finden müssen. Vielmehr geht es darum, den eigenen Möglichkeitsraum wahrzunehmen und unterscheiden zu können, was wir beeinflussen können, wo unsere Grenzen liegen und welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen. Dazu gehört auch, zu erkennen, wo unsere Kraft gerade gebunden ist und welche Erwartungen, Gedanken oder äußeren Bedingungen unsere Wahrnehmung und Entscheidungen beeinflussen.
Manchmal entdecken wir dadurch neue Handlungsmöglichkeiten, manchmal erkennen wir, dass wir eine bestimmte Situation vorerst nicht verändern können, und manchmal wird uns bewusst, dass wir gar nicht das erreichen möchten, worauf wir bisher hingearbeitet haben. Entscheidend ist nicht, dass daraus immer sofort eine Handlung entsteht, sondern dass wir wieder bewusster zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten wählen können. Denn auch Abwarten, etwas offenlassen, eine Grenze akzeptieren oder sich bewusst gegen einen bestimmten Weg entscheiden kann Ausdruck von Selbststeuerung sein.
Und was ist mit deinem einen Ding?
Vermutlich gibt es auch in deinem Leben mindestens ein Thema, bei dem du schon länger nicht weiterkommst, obwohl du viel darüber nachgedacht und vielleicht schon einiges ausprobiert hast. Vielleicht kennst du die üblichen Ratschläge längst, hast deine Situation schon unzählige Male analysiert und kannst inzwischen ziemlich genau erklären, warum bestimmte Dinge nicht funktionieren. Und möglicherweise hast du dabei immer stärker das Gefühl bekommen, dass dir eigentlich gar keine Möglichkeiten mehr bleiben.
Vielleicht brauchst du dann weder den nächsten Ratschlag noch eine weitere Erklärung dafür, warum du bisher nicht weitergekommen bist. Vielleicht wäre es hilfreicher, deinen Blick wieder zu weiten, andere Perspektiven einzunehmen und Möglichkeiten zu entdecken, die bisher außerhalb deiner Wahrnehmung lagen. Denn du musst nicht erst vollständig verstehen, warum du feststeckst, um herauszufinden, was für dich wieder möglich werden könnte.
Selbstwirkkraft® 1:1-Beratung: Raum für neue Möglichkeiten
In meiner 1:1-Selbstwirkkraft®-Beratung begleite ich dich dabei, festgefahrene Sichtweisen zu hinterfragen, deinen persönlichen Möglichkeitsraum zu erkunden und wieder unterschiedliche Perspektiven auf deine Situation zu entwickeln. Gemeinsam schauen wir darauf, wohin du möchtest, was dir wichtig ist, wo deine Kraft gerade gebunden ist und welche Möglichkeiten unter deinen tatsächlichen Bedingungen bestehen.
Dabei geht es nicht um Patentrezepte, vorschnelle Ratschläge oder darum, dich möglichst schnell zu einer bestimmten Handlung zu bewegen. Es geht um einen Raum, in dem du deine Gedanken sortieren, neue Unterschiede erkennen und herausfinden kannst, was für dich sinnvoll und stimmig ist. Vielleicht entsteht daraus ein konkreter nächster Schritt, vielleicht auch zunächst mehr Klarheit darüber, welche Wege dir offenstehen und welche du gar nicht gehen möchtest.





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