Work-Life-Balance, Arbeitszeit, Freizeit, Lebenszeit – alles Begriffe, die wir täglich gebrauchen, wie selbstverständlich. Aber hast du dir schon einmal genau angeschaut, wie sich dein Leben eigentlich aufteilt? Also so ganz genau, anhand von Statistiken, nicht gefühlt, sondern in Zahlen?
Nicht? Kein Problem, denn ich habe das erledigt. In diesem Artikel zeige ich dir ein paar Erkenntnisse dazu: zur Zeit, die uns zur Verfügung steht, dazu, was das mit Gesundheit zu tun hat, und dazu, warum Gesundheit auch Unternehmenssache ist. Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Statistiken und beziehen sich auf Österreich und Vollzeitbeschäftigung. Die Berechnung habe ich vor ein paar Jahren schon einmal gemacht, für Vorträge und Workshops, und jetzt gerade noch einmal aktualisiert auf 2024/2025. Die Quellen sind überwiegend von Statistik Austria, Eurostat und OECD.
Die dazugehörige interaktive Grafik ist direkt in diesen Artikel eingebettet und zeigt drei Ebenen: wie sich ein Leben, ein Arbeitsjahr und ein Arbeitstag aufteilen. Du kannst dabei zwischen Frauen, Männern und dem Durchschnitt wechseln und siehst schnell, wie unterschiedlich die Zeitverteilung je nach Perspektive aussieht.
Das Wichtigste auf einen Blick
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Das Arbeitsleben macht rund 45% der gesamten Lebenszeit aus und ist damit die längste einzelne Lebensphase, noch vor Kindheit/Jugend und Pension. - →
Was bei der Arbeit passiert, wirkt über die Pension hinaus: Beschäftigte in belastenden Berufen haben ein um 55% erhöhtes Sterberisiko, messbar noch nach dem 70. Lebensjahr. - →
Freizeit und Eigenzeit sind nicht dasselbe: Ein Großteil der statistischen „Freizeit“ entfällt auf Fremdversorgung (Kinderbetreuung, Pflege, Haushalt). Frauen bleiben in Vollzeit im Schnitt unter einer Stunde echter Eigenzeit pro Tag. - →
Der Pendelweg zur Arbeit zählt laut Statistik Austria Zeitverwendungserhebung zur Erwerbstätigkeit, nicht zur Freizeit. - →Der Arbeitsplatz ist die primäre Arena für Gesundheit und Wohlbefinden, weil er das größte tägliche Zeitvolumen einnimmt und weil die Stunden danach für viele Menschen durch Fremdversorgung oder Erschöpfung bereits besetzt sind.
1. Das Leben in Phasen
Im Jahr 2024 betrug die Lebenserwartung in Österreich bei Frauen 84,3 Jahre, bei Männern 79,8 Jahre – im Schnitt also rund 82 Jahre (BMFWF 2024).
Diese 82 Jahre teilen sich dabei im Schnitt wie folgt auf:
Die ersten 21,6 Jahre: Aufwachsen, Ausbildung, Vorbereitung auf das Arbeitsleben. Die letzten 24,0 Jahre: Pension. Dazwischen: das Arbeitsleben. Laut Eurostat beträgt die erwartete Lebensarbeitszeit in der EU im Durchschnitt 37,2 Jahre (für Männer 39,2 Jahre, für Frauen 35,0 Jahre). Für Österreich zeigt die Grafik 36,5 aktive Arbeitsjahre – das entspricht 45% der gesamten Lebenszeit.
Wir verbringen also fast die Hälfte unserer Lebenszeit arbeitend.
2. Wir kommen an – oder nicht
Parallel zum frühen Pensionsantrittsalter ist die Lebenserwartung nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt in Österreich hoch: 21,6 Jahre für Männer und 25,5 Jahre für Frauen, jeweils über dem OECD-Schnitt von 18,6 Jahren (Männer) und 22,8 Jahren (Frauen) (Agenda Austria).
Eigentlich eine gute Nachricht. Aber ganz gleich, ob wir noch 18 oder 25 Jahre pensioniert verbringen – es zählt vor allem, wie gut wir sie verbringen. Es stellt sich also eine ernsthafte Frage: In welchem Zustand kommen wir dort an?
Die Forschung dazu ist eindeutig und wird in der öffentlichen Debatte viel zu selten zitiert. Beschäftigte in belastenden Berufen hatten ein um 55% erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu jenen in weniger belastenden Tätigkeiten. Jedes zusätzliche Jahr in einem Hochrisikoberuf erhöhte das Mortalitätsrisiko um weitere 4,6%, noch messbar nach dem 70. Lebensjahr (NIH).
3. Was in der Arbeit passiert, bleibt nicht in der Arbeit
Sozioökonomische Unterschiede in der Sterblichkeit bestehen über das Rentenalter hinaus fort und nehmen mit dem Alter sogar zu. Die Whitehall-Studie, eine der längsten Kohortenstudien überhaupt, hat das über 25 Jahre hinweg für über 18.000 Menschen belegt. Wer in seiner Arbeit wenig Handlungsspielraum hatte, wenig Anerkennung erfahren hat, unter chronischem Druck stand, trägt das im Körper und zahlt dafür in der Pension die Rechnung (PubMed Central).
Menschen, die in den letzten Arbeitsjahren schwer körperlich arbeiteten oder hohem psychischen Druck ausgesetzt waren, erwartete ein verfrühter Tod. Wer hingegen in seiner Arbeit zufrieden war und Anerkennung erfahren hat, konnte sein Sterberisiko deutlich verringern.
Und genau hier kommen wir zu dem Grund, warum Gesundheit nicht nur individuell, sondern auch Unternehmenssache ist.
4. Was machen wir in diesen Arbeitsjahren, Tag für Tag?
Schauen wir uns einen durchschnittlichen Tag unter Erwerbstätigen an, basierend auf den österreichischen Zahlen.
Vollzeitbeschäftigte arbeiteten im Jahr 2024 normalerweise 41,6 Stunden pro Woche, was ungefähr 8,3 Stunden pro Arbeitstag entspricht. Dazu kommen rund 9,5 Stunden für Schlaf und Grundbedürfnisse sowie knapp eine Stunde Selbstversorgung. Rechnet man das zusammen, sind bereits fast 19 Stunden des Tages verplant, bevor irgendeine Form von freier Zeit beginnt (Statistik Austria).
Arbeitszeit macht damit rund 35% eines Arbeitstages aus – mehr als der Schlaf. In der Jahresperspektive wird das noch deutlicher: Von den 365 Tagen eines Jahres entfallen bei Vollzeitbeschäftigung 223 auf Arbeitszeit, 110 auf Schlaf und 46 auf Selbstversorgung.
Im Durchschnitt waren unselbstständig Beschäftigte in Österreich im Jahr 2024 außerdem 15,1 Tage im Krankenstand. 15 Tage pro Jahr, über 37 Arbeitsjahre gerechnet: mehr als 18 Monate Krankenstand im Laufe eines Erwerbslebens. Das ist kein persönliches Versagen, das ist ein strukturelles Signal. Der Hebel für Prävention liegt genau dort, wo die meiste Zeit verbracht wird: am Arbeitsplatz.
Durchschnittliche Lebenszeit 82,1 Jahre (Ø M+F) · Österreich 2024 · Statistik Austria / Eurostat
21,6
Jahre vor Arbeitsantritt
36,5
Jahre Arbeitsleben
24,0
Jahre Pension (Ø Ö)
Whitehall-Studie (UK) 25-jährige Nachverfolgung von 18.133 Beamten: Männer in der untersten Beschäftigungsgruppe hatten eine 3,1-fach höhere Sterblichkeitsrate. Dieser Unterschied blieb nach der Pension bestehen und nahm mit dem Alter zu.
Laditka et al. (USA, 2020) Beschäftigte in Hochstress-Berufen hatten ein um 55% erhöhtes Sterberisiko. Jedes weitere Jahr im Hochrisikoberuf: +4,6% Mortalitätsrisiko – noch nach dem 70. Lebensjahr messbar.
Statistik Austria (AT) Arbeiter weisen deutlich höhere Frühsterblichkeit auf als Angestellte – über ein breites Spektrum von Todesursachen inkl. Herz-Kreislauf und Suizid.
Armut & Mortalität (AT) Dauerhaft arme Menschen sterben im Schnitt 10 Jahre früher. Obdachlose bis zu 20 Jahre kürzer.
Was in der Arbeit passiert, bleibt nicht in der Arbeit. Es schreibt sich in Körper und Nervensystem – und zeigt sich Jahrzehnte später in der Pension.
Quellen: Marmot et al. BMJ 1997 · Laditka & Laditka, Journals of Gerontology 2020 · Statistik Austria / Klotz 2007 · Statistik Austria Armutsbericht
Quellen: Statistik Austria, Sterbetafeln 2024 · Eurostat lfsi_dwl_a 2024 · OECD Pensions at a Glance 2025
Kalendertage pro Jahr · Vollzeitbeschäftigung · Österreich 2024
Quellen: Statistik Austria / WIFO Fehlzeitenreport 2025 · Mikrozensus AKE 2024 · *Schlaf & Selbstversorgung: ZVE 2021/22
24 Stunden · Vollzeitbeschäftigung · Österreich · Statistik Austria ZVE 2021/22
Frauen (Ø Vollzeit, inkl. Sorgearbeit) · ZVE 2021/22
Erwerbsarbeit (Statistik Austria ZVE): bezahlte Arbeitszeit, Pausen, Pendelweg zur und von der Arbeit, Überstunden, Dienstreisen, Jobsuche.
Schlaf & Grundbedürfnisse: Schlafen, Essen & Trinken, Körperpflege, eigene Arzttermine.
Selbstversorgung: Einkäufe für sich selbst, eigene Mahlzeiten, eigene Gesundheitspflege.
Fremdversorgung (= unbezahlte Sorgearbeit): Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Kochen für die Familie, Einkaufen für andere, Reparaturen, Gassi gehen, Ehrenamt. Alles, was auch jemand anderes gegen Bezahlung übernehmen könnte (Dritt-Personen-Kriterium, Statistik Austria).
Echte Freizeit: TV/Streaming, Sport für sich selbst, Hobbys, soziale Kontakte, Ausgehen, Nichtstun, Erholung.
Quelle: Statistik Austria, Zeitverwendungserhebung 2021/22 – Kategoriendefinitionen nach HETUS 2020
Quellen: Statistik Austria, ZVE 2021/22 · Mikrozensus AKE 2024 · Gender Care Gap 2022: 43,4%
5. Freizeit? Nicht ganz.
Und dann ist da noch diese Annahme, die ich immer wieder höre: „Nach der Arbeit gehört die Zeit mir.“ Und ich erwidere: „Wirklich?“
Fangen wir beim Weg zur Arbeit an. Laut Statistik Austria Zeitverwendungserhebung zählt der Pendelweg zur Erwerbstätigkeit, nicht zur Freizeit. Wer täglich 45 Minuten in eine Richtung fährt, hat bereits anderthalb Stunden seines Tages in der Arbeits-Kategorie verbucht, bevor der erste Gedanke an Erholung entsteht.
Ich trenne Versorgungsthemen daher gerne in zwei Kategorien:
- Selbstversorgung – alles, was ich für mich tue: essen, schlafen, Körperpflege.
- Fremdversorgung – alles, was ich für andere tue, aber niemand als Arbeit zählt: Kochen für die Familie, Kinderbetreuung, die Eltern anrufen, den Hund Gassi führen, Reparaturen, Ehrenamt, Pflege von Angehörigen. Die Statistik Austria nennt das Sorgearbeit. Ich nenne es Fremdversorgung, weil es beschreibt, was es ist: Ich versorge jemand anderen. Und das passiert nach der Erwerbsarbeit, nicht stattdessen.
Die Zeitverwendungserhebung 2021/22 der Statistik Austria zeigt: Frauen in Vollzeitbeschäftigung verbringen im Schnitt rund 4,5 Stunden pro Tag mit Fremdversorgung, Männer rund 2,5 Stunden. Diese Verteilung ist seit der letzten Erhebung 2008/09 nahezu unverändert geblieben (profil / Statistik Austria).
Was dann noch als echte Eigenzeit übrig bleibt, sind bei Frauen durchschnittlich knapp 0,7 Stunden täglich, bei Männern knapp drei Stunden. Wer das in Grafik 3 nachschaut und zwischen den Ansichten Frauen, Männer und Gesamt wechselt, sieht sofort, wie unterschiedlich dieser Restposten Eigenzeit verteilt ist.
Und das alles unter der Voraussetzung, dass die Arbeit am Ende des Tages wirklich loslässt. Was sie oft nicht tut.
Wenn auch die Stunden nach der Arbeit keine Erholung bringen, sei es wegen Fremdversorgung, sei es wegen gedanklicher Weiterarbeit, sei es wegen chronischer Erschöpfung, dann ist der Arbeitsplatz nicht eine von vielen Einflussgrößen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Er wird zur primären Arena, in der die Stärkung und Erhaltung des Wohlbefindens entweder gelingt oder ausbleibt.
6. Warum der Arbeitsplatz der größte Hebel ist
Wenn ich mit Teams und Führungskräften arbeite, stelle ich manchmal diese Frage: Wo in deinem Leben hast du den meisten Einfluss auf deine Gesundheit, deine Energie, dein Wohlbefinden? Viele denken zuerst an Ernährung, Bewegung, Schlaf. Alles wichtig. Aber das größte Zeitvolumen und damit den größten kumulativen Einfluss hat der Alltag bei der Arbeit, einfach weil sie so viel Raum einnimmt, im Tag, im Jahr und im Leben.
Die Qualität dieses Raums bestimmt, mit wie viel Kraft, Lebendigkeit und Stimmigkeit wir den Rest davon gestalten können. Das betrifft konkrete Dinge:
- die Qualität der Beziehungen im Team,
- ob Handlungsspielraum erlebt wird oder Ohnmacht,
- ob Stärken sichtbar sind oder unsichtbar,
- ob Fehler Lernanlässe sind oder Bedrohungen,
- ob man am Ende des Tages das Gefühl hat: Ich habe etwas bewegt – oder: Ich wurde bewegt.
Wenn die Stunden nach der Arbeit zwischen Fremdversorgung und Erschöpfung aufgeteilt sind, dann ist der Arbeitsplatz nicht eine Einflussgröße unter vielen. Er ist oft die einzige Arena des Tages, in der Regeneration, Sinn und Selbstwirksamkeit noch entstehen können.
7. Was bedeutet das für dich?
Ob du Führungskraft bist, Mitarbeiter:in oder Selbstständige:r – diese Zahlen gelten für alle. Und wir müssen aufhören zu fragen: Wie überlebe ich die nächsten 37 Arbeitsjahre? Stattdessen lohnt es sich zu fragen: Was will ich in dieser Zeit wirklich erleben? Was soll diese Zeit mit mir machen, und was will ich mit ihr machen? Und in welchem Zustand will ich ankommen?
Genau das nenne ich Selbstwirkkraft: Das Erleben, dass ich nicht nur von Umständen geformt werde, sondern sie mitgestalte. Dass ich einen Unterschied mache, in meiner Arbeit, in meinem Team, in meinem Leben.
Und das fängt nicht nach der Arbeit an. Es fängt dort an, wo die meiste Zeit verbracht wird.








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