Garfinkel (1917–2011): Ethnomethodologie und die Kunst des Alltags

13 Juni 2026 | Gesellschaft & Wandel

Wie schaffen wir es jeden Tag, miteinander auszukommen? Wie entsteht soziale Ordnung in jedem einzelnen Gespräch, an jedem Küchentisch, in jeder U-Bahn? Harold Garfinkel (1917–2011) stellte diese Frage radikal neu — und fand die Antwort im Alltag selbst.

1. Kurzgefasst

Ethnomethodologie untersucht die Methoden, mit denen Menschen ihren Alltag praktisch bewältigen. Gesellschaft ist kein fertiges System — sie ist eine ongoing accomplishment: eine ständige praktische Leistung ihrer Mitglieder. Akteure sind keine judgmental dopes — sie denken, interpretieren und handeln praktisch-rational. Accounts sind die Erklärungen, mit denen Menschen Situationen beschreiben, rechtfertigen und verständlich machen. Accounting practices beschreiben, wie Erklärungen angeboten und angenommen werden. Soziale Wirklichkeit ist reflexiv: Erklärungen verändern die Situation, die sie beschreiben. Breaching Experiments — gezielte Normverletzungen — machen die unsichtbaren Regeln des Alltags sichtbar, indem sie zeigen, wie heftig Menschen auf deren Verletzung reagieren.

2. Der Museumsgang

Du gehst durch ein Museum der Gesellschaft. Links und rechts öffnen sich Räume, jeder zeigt eine Szene.

Raum 1 — Die unsichtbare Ordnung

Eine U-Bahn, Stoßzeit. Niemand erklärt niemandem, wo er zu stehen hat. Niemand einigt sich darauf, wer welchen Platz bekommt. Und trotzdem funktioniert es — bis auf wenige Ausnahmen verteilen sich die Menschen, vermeiden Blickkontakt, schweigen, geben Sitzplätze frei.

Das ist der Ausgangspunkt der Ethnomethodologie. Soziale Ordnung entsteht nicht durch Regeln, die irgendwo aufgeschrieben sind — sie wird in jedem Moment von den Beteiligten aktiv hergestellt. Diese Herstellung ist so selbstverständlich, dass wir sie nicht bemerken. Garfinkel macht sie sichtbar.

Raum 2 — Der Student und der Professor

Ein Prüfungsbüro. Ein Student erklärt, warum er die Prüfung verpasst hat. Er wählt Worte, erklärt Zusammenhänge, sucht nach einer Formulierung, die den Professor überzeugt. Der Professor hört zu, nickt, stellt Rückfragen, akzeptiert schließlich.

Das ist ein Account in Aktion — und die dazugehörigen Accounting Practices. Der Student bietet eine Erklärung an, der Professor prüft sie nach den ungeschriebenen Regeln des akademischen Kontexts. Beide nutzen commonsense knowledge — praktisches Alltagswissen über was in dieser Situation gilt, was zählt, was glaubwürdig klingt. Ethnomethodologen interessiert nicht ob die Erklärung wahr ist — sie interessiert wie sie funktioniert.

Raum 3 — Der Boarder

Ein Wohnzimmer, Abendessen. Ein junger Mann sitzt am Tisch seiner Familie — aber er verhält sich wie ein Fremder. Höflich, förmlich, reserviert. Er antwortet nur wenn er gefragt wird. Er sagt „bitte“ und „danke“ mit perfekter Distanz.

Das ist eines von Garfinkels berühmtesten Breaching Experiments. Er bat Studierende, sich in ihrem Zuhause so zu verhalten als wären sie Untermieter. Die Reaktionen der Familien waren heftig: Verwunderung, Wut, Vorwürfe. Manche fragten ob der Student krank sei, sich gestritten habe, verrückt geworden sei.

Diese Reaktionen zeigen: Die alltäglichen Selbstverständlichkeiten des Familienlebens sind keine Kleinigkeiten. Sie sind das Fundament sozialer Wirklichkeit — und wenn jemand sie verletzt, bricht etwas Grundlegendes auf.

Raum 4 — Das Tic-Tac-Toe-Spiel

Zwei Kinder spielen Tic-Tac-Toe. Ein Kind setzt sein Zeichen zwischen zwei Felder — außerhalb der Regeln. Das andere Kind hält inne. Starrt auf das Brett. Versucht zu verstehen was gerade passiert ist. Fordert eine Erklärung.

Das illustriert wie Breaching Experiments funktionieren: Eine kleine, gezielte Verletzung einer sozialen Regel — und sofort zeigen die Reaktionen der Beteiligten, welche Methoden sie normalerweise verwenden um die Welt geordnet zu halten. Die Normalität wird sichtbar im Moment ihrer Störung.

Raum 5 — Die Reflexivität

Ein Soziologe veröffentlicht eine Studie über eine Gemeinschaft. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft lesen die Studie — und beginnen, sich anders zu verhalten. Die Beschreibung hat die Realität verändert, die sie beschreiben sollte.

Das ist Reflexivität in Garfinkels Sinne: Accounts — Erklärungen, Berichte, Beschreibungen — gehen in die Situation ein, die sie beschreiben. Sie verändern sie. Das gilt für alltägliche Erklärungen genauso wie für soziologische Berichte. Soziologie ist deshalb kein neutraler Beobachter — sie ist Teil der sozialen Wirklichkeit, die sie untersucht.

Du verlässt den letzten Raum. Draußen produzierst du mit jedem Schritt soziale Ordnung — ohne es zu merken.

Garfinkel hätte gesagt: Das Außergewöhnlichste an der Gesellschaft ist das Gewöhnlichste.

3. Die theoretische Logik

Harold Garfinkel entwickelte die Ethnomethodologie als radikale Neuausrichtung der Soziologie. Sein Ausgangspunkt ist eine Kritik an Durkheims Konzept sozialer Tatsachen: Für Durkheim sind soziale Tatsachen externe Strukturen, die das Individuum zwingen. Akteure erscheinen dabei als judgmental dopes — als Marionetten sozialer Strukturen ohne eigenständiges Urteilsvermögen. Garfinkel setzt dagegen: Soziale Ordnung ist keine gegebene Struktur — sie ist die ongoing accomplishment ihrer Mitglieder. Menschen schaffen soziale Realität aktiv, praktisch und kontinuierlich neu.

Ethnomethodologie untersucht die Methoden (ethnomethods), die Menschen dabei verwenden: das praktische Alltagswissen, die commonsense-Verfahren und Überlegungen, mit denen sie Situationen verstehen, navigieren und auf sie reagieren. Diese Methoden sind nicht formal oder logisch — sie sind praktisch-rational. Menschen denken nicht theoretisch über ihre Situation nach; sie handeln routiniert und weitgehend unreflektiert. Das Ziel der Ethnomethodologie ist zu verstehen, wie diese Routinen entstehen und im Zusammenspiel mit anderen ständig neu erzeugt werden.

Accounts sind die Erklärungen, Beschreibungen und Rechtfertigungen, mit denen Menschen Situationen verständlich machen — für sich und für andere. Accounting practices bezeichnen die Verfahren, nach denen Erklärungen angeboten, geprüft und akzeptiert oder abgelehnt werden. Ethnomethodologen analysieren Accounts ohne sie zu bewerten — sie nehmen eine Haltung der ethnomethodologischen Indifferenz ein: Was zählt, ist nicht ob eine Erklärung wahr ist, sondern wie sie in der praktischen Interaktion funktioniert.

Ein wesentliches Merkmal von Accounts ist ihre Reflexivität: Sie gehen in die Situation ein, die sie beschreiben, und verändern sie. Wer eine Situation erklärt, verändert sie durch die Erklärung. Das gilt für Alltagsinteraktionen genauso wie für soziologische Studien — Soziologie ist deshalb kein neutraler Beobachter gesellschaftlicher Realität.

Breaching Experiments sind Garfinkels wichtigstes Forschungsinstrument. Durch gezielte Verletzung sozialer Selbstverständlichkeiten — im Tic-Tac-Toe-Spiel, im Familienalltag, in alltäglichen Gesprächen — macht Garfinkel sichtbar, welche unsichtbaren Methoden Menschen normalerweise einsetzen um Ordnung herzustellen. Die heftigen emotionalen Reaktionen auf Normverletzungen zeigen: Die scheinbar trivialen Routinen des Alltags sind das Fundament sozialer Realität.

4. Die wichtigsten Begriffe

  • Ethnomethodologie (ethnomethodology) Die Untersuchung der Methoden, mit denen Menschen ihren Alltag praktisch bewältigen. Gesellschaft als ongoing accomplishment ihrer Mitglieder.
  • Ongoing accomplishment Soziale Ordnung ist keine gegebene Struktur, sondern wird in jedem Moment von den Beteiligten aktiv hergestellt und aufrechterhalten.
  • Judgmental dopes Garfinkels kritischer Begriff für das Menschenbild klassischer Soziologie: Akteure als passive Marionetten sozialer Strukturen ohne eigenständiges Urteilsvermögen.
  • Commonsense knowledge Das praktische Alltagswissen, das Menschen nutzen um Situationen zu verstehen und auf sie zu reagieren. Grundlage ethnomethodologischer Analyse.
  • Accounts Erklärungen, Beschreibungen und Rechtfertigungen, mit denen Menschen Situationen verständlich machen — für sich und für andere.
  • Accounting practices Die Verfahren, nach denen Erklärungen angeboten, geprüft und akzeptiert oder abgelehnt werden.
  • Ethnomethodologische Indifferenz Die analytische Haltung der Ethnomethodologen: Accounts werden nicht bewertet, sondern danach analysiert wie sie in der praktischen Interaktion funktionieren.
  • Reflexivität (reflexivity) Accounts gehen in die Situation ein, die sie beschreiben, und verändern sie. Gilt für Alltagsinteraktionen und soziologische Berichte gleichermaßen.
  • Breaching Experiments (breaching experiments) Gezielte Verletzungen sozialer Selbstverständlichkeiten, die unsichtbare Alltagsmethoden sichtbar machen. Die heftigen Reaktionen zeigen wie wichtig diese Methoden für die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung sind.

Quelle: Ritzer & Stepnisky — Contemporary Sociological Theory and Its Classical Roots, 6th Edition

Lorena Hoormann

Über die Autorin

Lorena Hoormann

Ich begleite Menschen und Teams dabei, ihre SelbstwirkKRAFT zu entfalten — als Trainerin, Coach und Lehrende. Meine Arbeit verbindet systemisches Denken mit ehrlicher Reflexion, damit Veränderung wirklich trägt.

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