George Herbert Mead (1863–1931) begann dort, wo die Psychologie aufhörte: beim sozialen. Denken, Selbst und Handeln sind für ihn keine individuellen Phänomene — sie entstehen in der Interaktion, durch Sprache, durch die Reaktionen anderer. Mead legte das Fundament für eine der einflussreichsten soziologischen Theorien des 20. Jahrhunderts: den symbolischen Interaktionismus.
1. Kurzgefasst
Mead unterscheidet das Verhalten (behavior) vom sozialen Handeln:
Der Akt durchläuft vier Phasen und ist durch Reflexion geprägt.
- Impuls,
- Wahrnehmung,
- Manipulation,
- Vollendung
Gesten sind die primitiven Bausteine der Interaktion, signifikante Symbole (vor allem Sprache) ermöglichen bewusste Kommunikation.
Der Geist (mind) ist das innere Gespräch mit sich selbst durch Sprache.
Das Selbst (self) entsteht sozial: zuerst im Spielstadium durch Rollenübernahme einzelner anderer, dann im Spielstadium der Gruppe durch den verallgemeinerten Anderen (generalized other), die Haltung der gesamten Gemeinschaft. Das Selbst besteht aus zwei Prozessen. Beide zusammen ermöglichen sowohl Konformität als auch Wandel:
- Ich (I) — spontan, kreativ, unvorhersehbar
- Mich (me) — die verinnerlichte Erwartung der Gemeinschaft
2. Der Museumsgang
Du gehst durch ein Museum der Gesellschaft. Links und rechts öffnen sich Räume, jeder zeigt eine Szene.
1. Raum: Der Pilz im Wald
Ein Mensch bückt sich, hebt einen Pilz auf. Er dreht ihn zwischen den Fingern, betrachtet ihn, denkt nach. Ist er giftig? Hat er die richtige Farbe? Riecht er gut?
Das ist der Akt bei Mead, der vier Phasen hat. Zuerst ein Impuls: Hunger. Dann Wahrnehmung: Der Pilz wird gefunden, betrachtet, eingeordnet. Dann Manipulation: Er wird gedreht, untersucht, mit Wissen abgeglichen. Schließlich Vollendung: Er wird gegessen oder weggelegt.
Daneben ein Tier, das denselben Pilz findet und ihn sofort frisst. Kein Nachdenken, kein Abwägen. Der Unterschied liegt im Geist, der zwischen Reiz und Reaktion tritt.
2. Raum: Der Hundekampf und das Gespräch
Zwei Hunde mit gebleckten Zähnen, die Körper sind angespannt. Einer macht eine Bewegung, der andere reagiert sofort, ohne nachzudenken, sichtbar ist eine Kette von Reiz und Reflex. Das sind nicht-signifikante Gesten, also Bewegungen, die automatische Reaktionen auslösen.
Daneben sieht man zwei Menschen im Gespräch, eine*r sagt etwas, hört sich selbst dabei zu, überlegt, ob er/sie es anders formulieren will, fährt fort oder korrigiert sich. Das sind signifikante Symbole, die in beiden denselben inneren Prozess auslösen. Sprache ist das wichtigste Symbol davon: Sie stimuliert Sprecher*in und Hörer*in gleichermaßen und macht gemeinsames Denken möglich.
3. Raum: Das innere Gespräch
Ein leerer Raum. Es ist kein Mensch sichtbar, man hört nur eine Stimme, die mit sich selbst spricht, abwägt, sich selbst widerspricht und eine Entscheidung durchdenkt.
Das ist der Geist bei Mead. Denken ist kein mystischer Prozess sondern ein Gespräch mit sich selbst, geführt mit Sprache. Ohne Sprache kein Denken, ohne soziale Interaktion keine Sprache. Der Geist ist ein soziales Produkt.
4. Raum: Das Kind spielt
Ein Kind spielt allein: Zuerst spielt es Mutter/Vater, dann Ärztin/Arzt, dann ein*e Lehrer*in. Es schlüpft in eine Rolle, spricht anders, verhält sich anders und beobachtet sich dabei selbst.
Das ist das Spielstadium (play stage). Das Kind lernt, sich selbst als Objekt zu sehen, durch die Augen einer einzelnen anderen Person. Es entwickelt erste Ansätze eines Selbst. Allerdings noch fragmentiert und ohne Zusammenhang.
5. Raum: Das Baseballspiel
Ein Spielfeld, neun Positionen, ein*e Pitcher*in auf dem Hügel. Der/die Pitcher*in wirft und um das zu tun, muss sie/er wissen, was der/die Catcher*in erwartet, was der Erste Baseman/ die Erste Basewoman tun wird, was die Außenfeldspieler*innen von ihr/ihm brauchen.
Das ist das Spielstadium der Gruppe (game stage). Das Kind übernimmt quasi gleichzeitig mehrere Rollen (gedanklich), versteht das Zusammenspiel aller Beteiligten und entwickelt daraus ein kohärentes Selbst. Es weiß, was von ihm/ihr erwartet wird, weil es das Ganze versteht.
Der verallgemeinerte Andere (generalized other) ist die Haltung des gesamten Teams und darüber hinaus: die Haltung der gesamten Gemeinschaft. Wer sich selbst verstehen will, muss sich durch die Augen der Gemeinschaft sehen können.
6. Raum: Ich und Mich
Eine Person steht vor einer Entscheidung: Etwas in ihr reagiert spontan, ungeplant, kreativ und handelt, bevor es nachdenkt. Das ist das Ich (I): der unberechenbare, individuelle Anteil des Selbst, eine Quelle von Überraschung, Kreativität und Wandel.
Daneben eine Stimme, die mahnt: Was werden die anderen denken? Was erwartet die Gemeinschaft? Das ist das Mich (me): die verinnerlichte Erwartung der Gemeinschaft, der konforme Anteil des Selbst.
Beide sind nötig. Das Mich sorgt für Stabilität, das Ich für Bewegung. Gesellschaft funktioniert, weil beides im Gleichgewicht ist.
Du verlässt den letzten Raum. Draußen interagierst du und erschaffst dabei dich selbst neu.
Mead hätte gesagt: Das Selbst ist kein Besitz, sondern ein Prozess.
3. Die theoretische Logik
George Herbert Mead bezeichnet seinen Ansatz als sozialen Behaviorismus (social behaviorism): Er erkennt Stimulus-Response-Verhalten an, betont aber, dass beim Menschen der Geist zwischen Reiz und Reaktion tritt. Menschen denken, bevor sie handeln und das unterscheidet sie grundlegend von Tieren.
Die kleinste Einheit seines Systems ist der Akt (act): ein vier Phasen durchlaufender Prozess aus Impuls, Wahrnehmung, Manipulation und Vollendung. Jede Phase ist mit den anderen verknüpft, die Abfolge ist nicht zwingend linear. Entscheidend ist die Manipulationsphase, denn hier interveniert der Geist und dort unterscheidet sich menschliches Handeln von bloßem Reflex.
Interaktion beginnt mit Gesten, verstanden als Bewegungen, die für andere als Stimuli wirken. Tiere kommunizieren durch nicht-signifikante Gesten: automatische Reaktionen ohne Reflexion. Menschen dagegen nutzen signifikante Symbole, vor allem Sprache: Symbole, die in Sprecher*in und Hörer*in denselben inneren Prozess auslösen. Sprache macht gemeinsames Denken und Handeln möglich und ist die Grundlage aller sozialen Koordination.
Der Geist (mind) ist bei Mead das innere Gespräch mit sich selbst durch Sprache. Er ist kein biologisches Organ, sondern ein soziales Produkt: Ohne Sprache kein Geist, ohne soziale Interaktion keine Sprache. Geist und Gesellschaft sind ko-konstitutiv.
Das Selbst (self) bezeichnet die Fähigkeit, sich selbst als Objekt zu erkennen und entsteht in zwei Stadien. Im Spielstadium (play stage) übernimmt das Kind die Rolle einzelner anderer und lernt, sich durch deren Augen zu sehen. Im Spielstadium der Gruppe (game stage) übernimmt es gleichzeitig mehrere Rollen und entwickelt ein kohärentes Selbst durch den verallgemeinerten Anderen (generalized other), also durch die Haltung der gesamten Gemeinschaft. Erst wer sich durch die Augen der Gemeinschaft sehen kann, hat ein vollständiges Selbst.
Das Selbst besteht aus zwei Prozessen: dem Ich (I) (spontan, kreativ, unvorhersehbar, Quelle von Individualität und Wandel) und dem Mich (me) (der verinnerlichten Erwartung der Gemeinschaft, Quelle von Konformität und Stabilität). Beide sind für das Funktionieren von Individuum und Gesellschaft notwendig, das Mich sichert soziale Ordnung, das Ich ermöglicht Erneuerung.
Mead betont, dass die Analyse beim sozialen Ganzen beginnen muss und nicht beim Individuum. Gruppen, Sprache, Gemeinschaft sind die Voraussetzungen für Geist und Selbst, nicht umgekehrt. Darin liegt ein wichtiger Gegensatz zu Weber, der beim Individuum ansetzt, und eine Nähe zu Durkheim, der das Kollektive als vorrangig begreift.
4. Die wichtigsten Begriffe
- Sozialer Behaviorismus (social behaviorism) Meads Selbstbezeichnung. Er erkennt Stimulus-Response-Verhalten an, betont aber, dass der Geist zwischen Reiz und Reaktion tritt. Menschen denken vor dem Handeln.
- Akt (act) Die Grundeinheit menschlichen Handelns. Vier Phasen: Impuls, Wahrnehmung, Manipulation, Vollendung. Entscheidend ist die Manipulationsphase, hier interveniert Reflexion.
- Gesten (gestures) sind Bewegungen, die für andere als Stimuli wirken. Nicht-signifikante Gesten lösen automatische Reaktionen aus. Signifikante Gesten, vor allem Sprache, erfordern Reflexion und lösen in Sprecher*in und Hörer*in denselben inneren Prozess aus.
- Signifikante Symbole (significant symbols) sind Symbole, die in der Person, die sie äußert, dieselbe Reaktion auslösen wie in der Person, an die sie gerichtet sind. Sprache ist das wichtigste signifikante Symbol und bildet die Grundlage von Denken, Koordination und sozialer Ordnung.
- Geist (mind) Das innere Gespräch mit sich selbst durch Sprache. Es ist kein biologisches Organ sondern ein soziales Produkt und entsteht durch Interaktion und setzt Sprache voraus.
- Selbst (self) Die Fähigkeit, sich selbst als Objekt zu nehmen und sich durch die Augen anderer zu sehen. Entsteht in sozialer Interaktion, nicht biologisch.
- Spielstadium (play stage) Erstes Stadium der Selbstentwicklung: Das Kind übernimmt die Rolle einzelner anderer und entwickelt erste Ansätze eines Selbst.
- Spielstadium der Gruppe (game stage) Zweites Stadium: Das Kind übernimmt gleichzeitig mehrere Rollen und versteht das Zusammenspiel aller Beteiligten. Es ist die Grundlage eines kohärenten Selbst.
- Verallgemeinerter Anderer (generalized other) Bezeichnet die Haltung der gesamten Gemeinschaft oder Gruppe. Wer sich selbst durch den verallgemeinerten Anderen betrachten kann, hat ein vollständiges Selbst und ist zu abstraktem Denken fähig.
- Ich (I) Der spontane, kreative, unvorhersehbare Anteil des Selbst. Quelle von Individualität, Überraschung und gesellschaftlichem Wandel.
- Mich (me) Die verinnerlichte Erwartung der Gemeinschaft. Der konforme Anteil des Selbst und Quelle von Stabilität und sozialer Ordnung.
- Reflexivität (reflexivity) Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen (zu denken wie sie, zu handeln wie sie) und sich selbst dadurch von außen zu betrachten.
Quelle: Ritzer & Stepnisky — Contemporary Sociological Theory and Its Classical Roots, 6th Edition



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