Fröhlicher Muttertag? Zwischen Frauenrechten, Blumen, Krieg und Schokolade

8 Mai 2022 | Gesellschaftliche Themen

Fröhlicher Muttertag!  Oder nicht?  Was steckt eigentlich dahinter?  Inspiriert durch einen Artikel des Moment Magazins vom 6.5.2022 habe ich mich ein wenig mit dem Hintergrund des Muttertages auseinandergesetzt und möchte gerne mit euch den ursprünglichen Sinn teilen. Denn eigentlich ging es hier nicht um Blumen, Grußkarten, Schokolade und andere Aufmerksamkeiten für die eigene Mutter.  Ursprünglich ging es um Frauenrechte, Solidarität, Bildung und Frieden.  Ausschlaggebend dafür waren Bewegungen, die von zwei Frauen in den USA ins Leben gerufen wurden und zwar an der nördlichen Hälfte der Atlantikküste (von Virginia bis Rhode Island):  Julia Ward Howe und Ann Maria Reeves Jarvis.

Wenngleich der heutige Tag einen Anlass bietet, damit Familien sich sehen und Geschenke ausgetauscht werden, so ging der ursprüngliche Gedanke dennoch verloren.  Mit diesem Blog-Artikel möchte ich an den Ursprung der Bedeutung dieses Tages erinnern.

Julia Ward Howe: Gegen Krieg und Sklaverei – Für den Frieden und Frauenrechte

Julia Ward Howe wurde 1819 in New York geboren und war führend in der damaligen Frauenrechtsbewegung der USA.  Sie war Gegnerin der Sklaverei und setzte sich für Frauenwahlrecht und den Frieden ein.  Zur Zeit des Bürgerkriegs in den USA startete sie die „Mütter-Friedenstags-Initiative“ mit dem Ziel, dass die Söhne und Ehemänner nicht mehr im Krieg geopfert werden sollten.  1870 veröffentlichte sie ihre „Muttertags Proklamation“, den Aufruf für die Einführung eines Muttertages als Protesttag gegen Krieg. Hier ein Auszug daraus:

„[…] Wir werden nicht zulassen, dass uns unsere Söhne genommen werden, damit sie alles vergessen, was wir ihnen über Barmherzigkeit, Mitleid und Geduld beigebracht haben.  Wir Frauen eines Landes werden zu zartfühlend gegenüber den Frauen eines anderen Landes sein, um zuzulassen, dass unsere Söhne dazu ausgebildet werden, ihre Söhne zu verletzen. Aus dem Schoß der verwüsteten Erde kommt ein Schrei, der sich mit unserem vereint. >>Waffen nieder, Waffen nieder! Das Schwert ist nicht das Maß der Gerechtigkeit.<< Weder stellt Blut verlorene Ehre wieder her noch ist Gewalt ein Zeichen für Besitz. […] Im Namen aller Frauen und aller Menschen fordere ich dazu auf, dass eine Generalversammlung aller Frauen, ungeachtet ihrer Nationalität, ausgerufen wird […]  Dort möge vorangetrieben werden ein Bündnis der verschiedenen Völker, die einvernehmliche Lösung von Streitigkeiten zwischen Staaten und das große und allgemeine Anliegen des Friedens.“

Ann Maria Reeves Jarvis: Kindersterblichkeit und Hygienemissstände verringern, Gesundheit und Frieden fördern

Ann wurde 1832 geboren.  Sie gründete 1858 die „Mothers Days Work Clubs“ aus einem sozialen, solidarischen Gemeinschaftsgedanken heraus: Kindersterblichkeit und Hygienemissstände sollten verringert und die Gesundheit aller gefördert werden.  Frauen schlossen sich zusammen, um anderen zu zeigen, in welcher Form Kinder gesund aufwachsen können und wie bestmöglich für sie gesorgt werden kann (Steigerung der Gesundheitskompetenz von Müttern).  Zudem sammelten die Clubs in einer Zeit als Tuberkulose weitverbreitet war, Spenden für Medizin und Haushaltshilfen, um Familien zu unterstützen, wenn eine Mutter an Tuberkulose erkrankt war.

Als der Bürger*innenkrieg ausbrach, berief sich der Club auf eine neutralen Position und versorgte verwundete Soldaten beider Seiten.  Nach Kriegsende, organisierte Ann die sogenannten Mütter-Freundschaftstage.  An diesen Tagen tauschten sich Mütter und ehemalige Soldaten aller Seiten aus, mit dem Ziel, die Versöhnung zu unterstützen, den Frieden zu fördern und erneute Gewalt zu verhindern.

Die Anerkennung des Muttertages als offizieller, staatlicher Feiertag in den USA

Nachdem Ann 1905 gestorben war, veranstaltete ihr Tochter einen Gedenktag und setzte sich später dafür ein, dass dieser offiziell als Staatsfeiertag anerkannt wird, was 1914 schließlich gelang.  Ursprünglich gedacht war dieser Tag als Tag zum Gedenken an ihre Mutter, ihre Friedens- und Sozialbewegung.  Doch relativ schnell nach Ernennung zum Staatsfeiertag verlor sich der ursprüngliche Gedanke des Gedenktages.  Statt Frieden, Frauenrechte, Bildung und Solidarität in den Vordergrund zu stellen, wurde der neue Feiertag wirtschaftlich kommerzialisiert.

Der Muttertag im deutschsprachigen Raum: Zwischen Blumen und nationalsozialistischer Propaganda

Der Muttertag wird in unterschiedlichen Ländern an unterschiedlichen Tagen gefeiert.  In Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz ist der Muttertag jedoch am ursprünglichen Tag des staatlichen Feiertags in den USA verortet: Am zweiten Sonntag im Mai.

In Deutschland wurde der Muttertag Anfang der 1920er-Jahre vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber als Tag zu Ehren der Mutter und als Tag der Blumenwünsche „importiert“.  Etwa zur gleichen Zeit kam der Muttertag auch nach Österreich, vorangetrieben von Marianne Hainisch, die den Muttertag in Verbindung mit der Pfadfinderbewegung als deren Ehrenpräsidentin als Feiertag etablierte.  Marianne Hainisch gilt als Pionierin der österreichischen Frauenbewegung.

Als gesetzlicher Feiertag war der Muttertag allerdings nur zur Zeit des Nationalsozialismus etabliert . Das positive Image des Tages wurde von den Nationalsozialisten als Propagandainstrument übernommen.  Sie erklärten ihn zum offiziellen Feiertag als „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“.  1938 führten sie zusätzlich das sogenannte „Mutterkreuz“ ein.  Damit wurden am Muttertag besonders kinderreiche Mütter als Heldinnen des Volkes ausgezeichnet.  Nach Ende des Krieges wurde dieser Feiertag als staatlicher Feiertag wieder abgeschafft.

Was der Muttertag für mich bedeutet

Auch ich habe den Muttertag (neben anderen Tagen) immer zum Anlass genommen, meiner Mama eine Freude zu machen.  Ebenso den Vatertag, um meinem Papa eine Freude zu machen. Als Kind haben wir auch im Kindergarten oder der Schule etwas zu diesen Anlässen gebastelt.  Für mich war es bis in jüngster Vergangenheit jedenfalls einfach nur einer der Tage im Jahr, wie so viele andere Tage, die irgendetwas gewidmet sind.

Jetzt, da ich mich mit der Bedeutung näher auseinandergesetzt habe und um die politische Bedeutung – vor allem um die Rolle in der Frauenrechts- und Friedensbewegung weiß – frage ich mich, warum ich diesen Hintergrund nie erfahren habe?  Warum haben wir das nicht in der Schule im Unterricht gelernt?  Warum wird der Tag zum Blumenkauftag?

Ich jedenfalls werde mir mal Gedanken darum machen, wie ich diesen Tag zukünftig in seiner ursprünglichen Bedeutung feiern und damit seine Begründer*innen und all die Frauenrechtsverfechterin feiern kann.  Denn sie sind der Grund dafür, dass ich heute als Frau in Europa die Freiheiten genieße, die ich habe. Und dazu zählt auch meine Mama.  Denn auch sie ist früher auf die Straße gegangen, gegen den Vietnam-Krieg, gegen Atomkraft, gegen den verpflichtenden Wehrdienst uvm.  Danke dafür, all Ihr starken Frauen, auch wenn wir eure Geschichten im Schulunterricht nur selten erfahren.  Lasst uns weiter für Frieden, Freiheit und Frauenrechte auf die Straße gehen.

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2 Kommentare

  1. Frauke

    Liebe Lorena,
    danke für diesen spannenden und lehrreichen Artikel!
    Ich finde, zum Muttertag daran zu erinnern, warum bzw was an diesem Tag ursprünglich gefeiert wurde, ist eine sehr gute Idee.
    Liebe Grüße!

    Antworten
    • Lorena Hoormann

      Liebe Frauke,
      es ist sehr interessant, sich damit auseinanderzusetzen, woher bestimmte Gebräuche oder auch Wortwendungen kommen. Das mache ich recht gerne.
      Ich finde, dass es ein großes Potenzial birgt, wenn wir uns unseres Sprachgebrauchs und auch der Bedeutung von Aktionen wieder bewusster werden:)
      Liebe Grüße,
      Lorena

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